„Nieder mit dem Regime!“

Tausende Menschen protestierten im Dezember 2025 und Januar 2026 im Iran gegen die schlechte Wirtschaftslage, gegen politische Unterdrückung und staatliche Willkür. Das Regime hat die Protestbewegung blutig niedergeschlagen: Berichte aus dem Iran sprechen von Zehntausenden Toten.

Von: Joachim Lerchenmüller / Amnesty International (Deutsche und Internationale Sektion)

Die Repression gegen die landesweiten Proteste im Iran hat zu massenhaften Tötungen in einem bislang beispiellosen Ausmaß geführt. Das zeigen verifizierte Videos und Informationen von Augenzeug:innen, die von Amnesty International ausgewertet wurden. Der in London ansässige Exil-Sender Iran International, der saudi-arabische Unterstützung erhält, berichtete Mitte Januar, dass mehr als 16.000 Menschen bei den Protesten ums Leben gekommen seien. Andere Quellen sprechen mittlerweile von mehr als 30.000 Toten. Die Süddeutsche Zeitung zitierte in ihrer Ausgabe vom 19. Januar einen Deutsch-Iraner, der sich am 8. Januar in Teheran aufhielt, mit den Worten: „Sie [d. h. Mitglieder der Revolutionsgarden] haben mit Maschinengewehren in die Menge geschossen.“

Exklusive Nachrichten aus dem Iran

Die ANKLAGEN-Redaktion hat Kontakte zu Menschen, die während der vergangenen Wochen mit Angehörigen im Iran sprechen konnten. Aus diesem Kreis wurden uns die folgenden Informationen und Einschätzungen mit der Bitte um Veröffentlichung zur Verfügung gestellt. Um die eigene Familie in Europa und die Angehörigen im Iran zu schützen, bleibt die Autorin anonym. Ihr Name ist der Redaktion bekannt. Der Bericht stammt vom 1. Februar 2026:

Ich schreibe diesen Text als Ehefrau eines Exil-Iraners – und als jemand, der seit Wochen Augenzeugenberichte aus erster Hand von seiner Familie und seinen engsten Freunden im Iran erhält. Was Anfang 2026 im Iran geschieht, ist kein „Zusammenstoß“, sind keine „Unruhen“, ist kein politisches Missverständnis. Es ist ein Massaker.

Während eines nahezu vollständigen Internet-Blackouts töten Sicherheitskräfte – insbesondere die Revolutionsgarden – systematisch Zivilist:innen. Aktuelle Schätzungen gehen von 30.000 bis 40.000  Toten und mindestens 300.000 Verletzten aus. Die Mehrheit der Opfer ist unter 30 Jahre alt, viele unter 18. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch. Ein Kind. Eine Schwester. Ein Freund. Eine Familie, die nie wieder vollständig sein wird.

Eine Cousine berichtet von einem Krankenhausbesuch in Teheran, wie Sicherheitskräfte drei 16-jährige Mädchen direkt vor ihren Augen erschossen, die von ihren Familien eingeliefert worden waren. Sie sagte mir: „Ich laufe durch die Stadt und die Straßen stinken nach Blut. […] Ich will nicht mehr leben nach dem, was ich gesehen habe.“

Andere Angehörige berichten:

„Tote stapeln sich in Leichensäcken. Manche bewegen sich noch. Die Menschen darin sind noch am Leben.“ „Sie haben mit Maschinengewehren auf uns geschossen. Sie haben uns einfach alle umgebracht.“ Diese Aussagen stammen nicht aus Medienberichten. Sie stammen aus abgebrochenen Telefonaten, aus geflüsterten Nachrichten, die mitten im Satz enden – weil Verbindungen zusammenbrechen oder weil Menschen Angst haben, entdeckt zu werden. Krankenhäuser sind überfüllt, Verletzte werden nicht geschützt, sondern gezielt ermordet. Angehörige werden gezwungen, für die Kugeln zu bezahlen, mit denen ihre Liebsten ermordet wurden – als Bedingung, um die Leichen zurückzubekommen. Familien wissen nicht, ob ihre Kinder noch leben. Seit 46 Jahren leben die Menschen im Iran unter einer Diktatur, die jede Protestbewegung mit Gefängnis, Folter und Mord beantwortet. Doch was sich jetzt abspielt, ist von einer neuen Dimension: Es ist staatlich organisierter Terror gegen die eigene Bevölkerung. Viele außerhalb Irans sagen: „Schaut nach Irak oder Libyen – Intervention bringt Chaos.“ Aber diese Vergleiche greifen zu kurz. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Veränderung Risiken birgt, sondern ob die Welt zusehen darf, während ein Regime massenhaft seine eigenen Bürger:innen abschlachtet. Ein Eingriff von außen ist kein ausländischer Regimewechsel. Es ist die notwendige Unterstützung einer von innen ausgehenden Befreiungsbewegung, getragen von jungen Menschen, Frauen, Studierenden, Arbeiter:innen und Familien, die nichts mehr zu verlieren haben. Diese Menschen protestieren seit Jahren – und jedes Mal werden sie niedergeschlagen. Sie wissen, dass sie jedes Mal ihr Leben riskieren und gehen dennoch weiter auf die Straße. Viele sagen offen: Sie würden lieber sterben, als weiter unter dieser Gewalt zu leben. Nicht, weil sie den Tod wollen – sondern weil sie ein Leben ohne Würde nicht mehr ertragen. Mir ist wichtig zu sagen: Unterdrückung kommt nicht nur von außen. Sie kann im Inneren eines Landes entstehen – im Namen Gottes, im Namen von Ideologie – und so brutal sein, dass unsere gewohnten Kategorien von „Stabilität“ und „Souveränität“ bedeutungslos werden. Was im Iran geschieht, ist Terror. Jedes Opfer hat Eltern. Geschwister. Freund:innen. Menschen, die sie lieben. Diese Toten sind keine Statistik. Sie sind geraubte Zukunft. Die Menschen im Iran wollen Freiheit. Und sie brauchen die Welt jetzt.

Forderungen und Erkenntnisse von Amnesty

Amnesty International fordert die UN-Mitgliedsstaaten auf, unverzüglich Ermittlungen und Strafverfolgungen gegen die Verantwortlichen einzuleiten, um weiteres Blutvergießen zu verhindern. Die systematische Straflosigkeit für Verbrechen, die von den iranischen Sicherheitskräften bei den aktuellen und (auch schon) früheren Protesten begangen wurden, ermutigt die iranischen Behörden, ihr kriminelles Verhalten fortzusetzen.

Familien suchen nach vermissten Angehörigen in einer Not-Leichenhalle in Kahrizak nahe Teheran.
© Amnesty International

Die UN-Mitgliedstaaten müssten unverzüglich die Einberufung von Sondersitzungen des Menschenrechtsrats und des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen verlangen, so die Generalsekretärin von Amnesty International Deutschland, Julia Duchrow. Die UNO sollte die Lage im Iran an den internationalen Strafgerichtshof (IStGH) überweisen. Um weiteres Blutvergießen zu verhindern, fordert Amnesty zudem, dass internationale Justizmechanismen aufgesetzt werden, um die Strafverfolgung gegen die Verantwortlichen einzuleiten. Zudem sollten Staaten wie Deutschland koordiniert Ermittlungen nach dem Weltrechtsprinzip aufnehmen.

„Die Spirale aus Blutvergießen und Straflosigkeit muss ein Ende haben. Selbst gemessen an der düsteren Bilanz der iranischen Behörden bei der Niederschlagung früherer Protestwellen sind die Schwere und das Ausmaß der aktuellen Tötungen und Repressionen beispiellos“, sagt Julia Duchrow.

Amnesty International hat Dutzende von Videos und Fotos analysiert, die sich auf die Niederschlagung der Proteste seit dem 8. Januar in zehn Städten in den Provinzen Alborz, Gilan, Kermanshah, Razavi Khorasan, Sistan und Baluchestan sowie Teheran beziehen. Das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen im Iran ist erschütternd. Es übersteigt  alles, was Amnesty während der letzten Jahre mit Blick auf Iran dokumentiert hat.

Porträt-Collage junger Menschen, die Anfang Januar 2026 bei den Protesten im Iran getötet wurden.
© Amnesty International

Zu den Repressionsmaßnahmen, die Amnesty International verifizieren konnte, zählen die Militarisierung des öffentlichen Raums durch schwer bewaffnete Einheiten, Kontrollpunkte und Ausgangssperren, die landesweit jeden Protest im Keim ersticken sollen; willkürliche Massenverhaftungen bei nächtlichen Razzien in Privatwohnungen, am Arbeitsplatz sowie an Straßensperren; Folter und sexualisierte Gewalt in Gefängnissen und inoffiziellen Haftanstalten; Verschwindenlassen und konsequente Auskunftsverweigerung über Verbleib und Schicksal der Festgenommenen; Erpressung von Hinterbliebenen, indem von Familien hohe Geldsummen für die Herausgabe der Leichname gefordert werden; Razzien in Krankenhäusern, bei denen Einsatzkräfte Verletzte direkt aus medizinischen Einrichtungen verschleppten und dem medizinischen Personal unter anderem mit Strafverfolgung drohten, sollten sie Protestierende behandeln; inszenierte Geständnisse, die im Staatsfernsehen unter Zwang vorgetragen werden müssen.

Revolutionswächter: die brutale neue Elite

Die „Armee der Wächter der Islamischen Revolution“, auf Farsi „Pasdaran“ genannt, gilt vielen Beobachter:innen heute als die militärisch und wirtschaftlich stärkste Macht im Iran. Auch ihr politischer Einfluss ist mittlerweile wohl von entscheidender Bedeutung. Die brutale Gewalt, mit der die jüngsten Proteste erstickt wurden, ist selbst für iranische Verhältnisse außergewöhnlich. Zu erklären sind die Gewaltexzesse möglicherweise damit, dass das Regime – und insbesondere die Pasdaran – in der aktuellen Protestbewegung eine reale Gefahr für die eigene Macht im Lande sehen: Denn die Proteste sind von den Bazaari ausgegangen – den Händler:innen und Arbeiter:innen der Bazare, insbesondere in Teheran. Es waren 1978/79 die Proteste eben dieser Bevölkerungsgruppe, die eine Protestbewegung auslösten, die innerhalb weniger Monate zum Sturz des Schah-Regimes geführt hatte.

Die Pasdaran haben nach internationalen Schätzungen zwischen 125.000 und 200.000 Soldaten unter ihrem Kommando, verfügen über einen eigenen Geheimdienst und sind damit neben den regulären iranischen Streitkräften der entscheidende militärische Faktor im Iran. Vierzig Prozent der jährlichen Verteidigungsausgaben sollen an die Armee der Revolutionswächter gehen. Die Pasdaran kontrollieren überdies die sog. Freiwilligen-Miliz Basidsch, der Hunderttausende Männer und Frauen angehören sollen. Sie dienen der Kontrolle der Bevölkerung und des öffentlichen Raumes. Es waren Mitglieder der Basidsch-Miliz, die 2022 Zhina Mahsa Amini wegen des Verstoßes gegen das Kopftuchgebot verhafteten und für ihren Tod verantwortlich waren, welcher die „Frau, Leben, Freiheit“-Protestbewegung auslöste.

Aufgrund der wirtschaftlichen Kontrolle über große Teile des iranischen Mediensektors lenken die Pasdaran die Berichterstattung im Lande und regulieren den Zugang zu Festnetztelefonie, Internet und Mobiltelefonie im Iran. Von großer Bedeutung ist überdies der Pasdaran-eigene Konzern Khatam al-Anbiya, der die wichtigsten Infrastrukturprojekte im Lande baut. Nach Informationen der Neuen Zürcher Zeitung kontrollieren die Pasdaran mit ihren Unternehmen mittlerweile rund die Hälfte der iranischen Volkswirtschaft.

Der Politikwissenschaftler Afshon Ostovar lehrt in den USA und veröffentlichte 2016 ein Standardwerk zu den Pasdaran. Seiner Einschätzung zufolge würde ein Staatsstreich im Iran höchstwahrscheinlich vom Korps der Pasdaran durchgeführt werden, dem stärksten Akteur im Land. Entscheidend sei dabei die Frage, von welcher Gruppierung innerhalb der Pasdaran die Initiative ausginge. Die wichtigste Bruchlinie innerhalb der Pasdaran sei weniger organisatorisch als generationell. Die Pasdaran seien zwischen ihrer obersten Führung und ihren jüngeren Offizieren im mittleren Rang gespalten. Erstere seien meist Ernennungen des Obersten Führers, die ihre Positionen durch ihre Loyalität zu Khamenei und ihre ideologische Orthodoxie erlangten. Sie gehören zur ersten Generation der Islamischen Republik und sind ihren Gründungsprinzipien verpflichtet geblieben, einschließlich ihrer islamistischen Gesellschaftsvorstellungen und einer ideologischen Außenpolitik. Sie hätten starken innenpolitischen Einfluss und seien durch Korruption reich geworden. Ihre Familien führten ein leichtes Leben, oft im Ausland, insbesondere auch in Europa.

Die jüngere Generation hingegen habe ihre Karrieren während Irans Aufstieg zu regionaler Bedeutung nach 2003 begonnen. Sie seien Veteranen der Konflikte im Irak, Libanon und Syrien. Obwohl sie nicht säkular seien, hätten sie eine pragmatischere Sicht auf soziale Fragen und seien dadurch weniger an die sozialen Zwänge gebunden, die das islamische System definiert haben. Sie seien außerdem außenpolitisch aggressiver und strebten danach, Irans Macht wiederherzustellen.

Egal ob es zu einem Staatsstreich im Iran komme, so Afshon Ostovar, oder zu einem Regimewechsel, der militärisch von den USA herbeigeführt werde – auf eine Zukunft in demokratischer Freiheit werden die Menschen im Iran kaum vertrauen dürfen.