Die humanitäre Lage in der Demokratischen Republik Kongo (DR Kongo) spitzt sich angesichts der anhaltenden bewaffneten Konflikte, schweren Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen fortwährend zu. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch berichten von Vertreibung, Folter, sexualisierter Gewalt und willkürlichem Beschuss von Zivilpersonen. Ein Bericht von Amnesty International aus dem Jahr 2025 macht sowohl M23-Kämpfer als auch die mit der Regierungsarmee kooperierende Wazalendo-Miliz für die Tötung von Zivilist:innen, Vergewaltigungen von Frauen und Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen verantwortlich.
Von: Anna Schoof
Zu den historischen Hintergründen des Bürgerkriegs
Die Wurzeln des bewaffneten Konflikts liegen in der Kolonialzeit. Damals zwangsrekrutierten belgische Kolonialakteure Tutsi aus dem benachbarten Ruanda, um sie in der DR Kongo als Viehzüchter:innen und Arbeitskräfte einzusetzen. Dies führte zu territorialen Interessenkonflikten zwischen den Tutsi und einheimischen Landwirt:innen. In dem durch die Kolonialzeit gebeutelten Ruanda verübten Extremist:innen der mehrheitsbildenden Hutu-Bevölkerung im Jahr 1994 einen Völkermord an der Tutsi-Minderheit, im Zuge dessen kam es zu zahlreichen Vertreibungen. Zu dem Genozid werden mehrere Massaker an der Tutsi-Bevölkerung gezählt, bei denen schätzungsweise 800.000 bis 1.000.000 Menschen getötet wurden.

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Im Ostkongo gründeten 2012 ehemalige Kämpfer der kongolesischen Armee die Miliz M23, diese besteht zum Großteil aus Tutsi-Kämpfern, welche behaupten, dass die kongolesische Regierung das Ziel verfolge, die Tutsi-Minderheit auszulöschen.
Erneutes Aufflammen von Kämpfen im Ostkongo
Seit 2021 kontrolliert die Miliz großflächig die rohstoffreichen Gebiete des Ostkongos. Nach Angaben von Amnesty International überfielen die M23-Rebellen in den eroberten Gebieten auch Krankenhäuser, um Patient:innen zu entführen und zu foltern. Die dokumentierten Fälle von Menschenrechtsverletzungen können als Kriegsverbrechen eingeordnet werden.
Im November 2021 verabschiedeten die DR Kongo und Uganda ein Militär-Abkommen, welches die Bekämpfung der Allied Democratic Forces (eine bewaffnete islamistische Rebellengruppe, die vor allem in der DR Kongo aktiv ist) durch das ugandische Militär zum Ziel hatte. Ruanda behauptete, hinsichtlich des Abkommens und der Kooperation der beiden Länder eine Benachteiligung zu erfahren, woraufhin sie die M23 im Kongo mobilisierten. Uganda und Ruanda näherten sich jedoch in den vergangenen Jahren aufgrund von Handelsinteressen und Sicherheitsstrategien wieder an, was dazu führte, dass Uganda sowohl den Kongo als auch die M23 unterstützt.
Postkoloniale Strukturen und die Gier nach Rohstoffen als kriegstreibende Kraft
Eine zentrale Rolle spielt das enorme Rohstoffvorkommen des Ostkongos, dabei sind insbesondere Coltan, Kobalt und Gold von großem Interesse. Der Wunsch nach Kontrolle über die Rohstoffvorkommen treibt den Krieg weiterhin maßgeblich an. Bei Coltan handelt es sich um ein Erz, das in der Elektroindustrie unabdingbar ist, auch für die Energiewende ist das Erz von großer Bedeutung. Aus diesen Gründen hat die M23-Miliz ein besonderes Interesse daran, die roh-stoffreichen Gebiete im Ostkongo zu kontrollieren. Der Zugriff auf Minen und Abbaugebiete stellt für die M23 vielversprechende Einnahmen dar, wobei die Gewinne direkt in die Finanzierung ihrer Waffen fließen. In dem Bericht Powering Change or Business as Usual? von Amnesty International und der NGO Initiative pour la Bonne Gouverance et les Droits Humains wird auf Menschenrechtsverletzungen in den Abbaugebieten verwiesen, es handelt sich dabei um rechtswidrige Zwangsräumungen, sexualisierte Gewalt, Brandstiftung und Misshandlung.
Die von Menschenrechtsverletzungen betroffenen Bergbauregionen werden mit multinationalen Akteur:innen in Verbindung gebracht. Die Ignoranz gegenüber der Sorgfaltspflicht von globalen Unternehmen bezüglich der Herkunft der verwendeten Rohstoffe führt dazu, dass Rohstoffe, die aus den von der M23 kontrollierten Gebieten im Ostkongo stammen, in internationale Lieferketten gelangen und so die M23-Milizen mitfinanziert werden. Von den Erträgen der Rohstoffe profitieren primär die M23 und multinationale Unternehmen, wohingegen die Arbeiter:innen unter menschenunwürdigen Bedingungen ausgebeutet werden und keinerlei Anspruch auf Gewinnbeteiligung haben. Die DR Kongo hat eines der größten Rohstoffvorkommen Afrikas, welches enorm gewinnversprechend ist und maßgeblich zum Wohlstand des zentralafrikanischen Staates beitragen könnte. Trotz des beträchtlichen Potenzials zählt der Kongo zu den ärmsten Ländern weltweit, was unter anderem auf die postkolonialen Strukturen und den Machtmissbrauch zurückzuführen ist. Der Spiegel berichtete im Jahr 2024 über Anwält:innen der kongolesischen Regierung, die dem Tech-Giganten Apple vorwerfen, illegal ausgebeutete Rohstoffe für seine Geräte zu verwenden, die aus den von der M23 kontrollierten Gebieten stammen. Es wird auch von Blut-Rohstoffen gesprochen, der Begriff spielt auf die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den Minen und die Ausbeutung der Menschen an. In diesem Sinne sind die Rohstoffe buchstäblich mit dem Blut des kongolesischen Volkes befleckt.
Die Arbeiter:innen verdienen nur ein bis zwei Dollar pro Tag und sind einem erheblichen Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Es kommt immer wieder zu Grubenunglücken, bei denen teilweise Hunderte Menschen sterben. Erst im Januar dieses Jahres wurden infolge eines Erdrutsches in einer Coltan-Mine über 200 Menschen getötet.

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Laut UN zählt der Ostkongo zu einem der schlimmsten Orte für Kinder weltweit. Der anhaltende Bürgerkrieg hat drastische Konsequenzen hinsichtlich der Nahrungsversorgung und der Lebensgrund-lagen der Menschen. Nach Angaben des World Food Program, des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen, leiden in der DR Kongo rund 28 Millionen Menschen an akutem Hunger.
Forderungen von Amnesty International zur Verbesserung der humanitären Lage
Zu den Forderungen von Amnesty International zur Verbesserung der humanitären Lage in der DR Kongo zählen unter anderem die umgehende Freilassung aller unrechtmäßig inhaftierter Zivilist:innen, ein humaner Umgang mit Häftlingen, Zugang zu Anwält:innen, Familienangehörigen und unabhängigen Überwachungsgremien für alle Hafteinrichtungen. Zentral ist außerdem die Forderung, den internationalen Druck auf Ruanda zu erhöhen, damit die Regierung die Unterstützung für M23 einstellt.
Wie die Miliz M23 Verschleppung strategisch als Kriegswaffe einsetzt
Die Miliz M23 geriet in den vergangenen Jahren mehrfach im Rahmen groß angelegter Entführungen und Verschleppungen insbesondere im Osten der Demokratischen Republik in die Schlagzeilen. Die Zeit berichtete von zwei Überfällen in Goma im Februar 2025: auf das CBCA Ndosho Hospital und das Heal Africa Hospital; beide konnten auf die militante M23 zurückgeführt werden. Im Zuge dieser Razzien entführten die M23-Kämpfer mindestens 130 kranke und verletzte Patient:innen aus den beiden Krankenhäusern. Die Ver-schleppungen begründeten sie mit der Behauptung, dass es sich bei den Opfern angeblich um Soldat:innen der kongolesischen Armee und Kämpfer der Wazalendo-Miliz handle.
Auch Aloys Bigirumwami, Bahati Nshangalume und Patient Basimike Bukombe Barhuze wurden im Laufe des letzten Jahres von M23-Rebellen verschleppt. Es fehlen nach wie vor jegliche Informationen über ihren Aufenthaltsort und Zustand.

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Aloys Bigirumwami wurde im Mai 2025 bei einer Razzia in Goma festgenommen und in einem Fahrzeug abtransportiert. Er engagierte sich bei der Jugendbewegung Lutte pour le Changement, dabei handelt es sich um eine Menschenrechtsorganisation, die die Beteiligung junger Menschen an Demokratisierungsprozessen fördert. Der Bürgermeister der Stadt Goma, Julien Katembo, der Anfang letzten Jahres von der M23 zum Bürgermeister ernannt worden war, erkannte den Menschenrechtsverteidiger Bigirumwami und warf ihm vor, im Besitz von Waffen zu sein, die sich in der Stadt Kiwanja befänden. Der Vorwurf ist jedoch haltlos, da Belege für den Waffenbesitz fehlen. Seit dem 13. Mai 2025 fehlt jede Spur des Menschenrechtlers. Bei der Razzia in Goma verhafteten M23-Kämpfer hunderte Menschen, darunter auch Kindert
Bahati Nshangalume traf sich Ende Oktober letzten Jahres mit einem M23-Kommandanten in einem Militärlager der Miliz, um Verhandlungen über ein Bergbauprojekt durchzuführen. Seit dem Treffen wurde er nicht mehr gesehen. Jeg- liche Versuche der Familie, etwas über Nshangalumes Verbleib von der Vertretung der M23 zu erfahren, blieben erfolglos.
Patient Basimike Bukombe Barhuze hielt sich zum Zeitpunkt seiner Entführung in einer Grundschule in Munya auf. Die uniformierten Männer, die ihn entführten, konnten infolge der Zeugenaussagen als M23-Kämpfer identifiziert werden.
Verschleppungen in bewaffneten Konflikten als strategische Kriegswaffe einzusetzen, verstößt gegen die Genfer Abkommen und ihre Zusatzprotokolle zum Schutz von Zivilpersonen.
Flucht vor dem Schreckensregime des Ostkongos
Jubilé Kasay floh Anfang März letzten Jahres aus der ostkongolesischen Stadt Goma nach Kenia, nachdem die M23-Miliz die Stadt erobert hatte. In den darauffolgenden Wochen nahm die Miliz Gebiete bis in die Provinz Süd-Kivu ein und etablierte eine eigene Parallel-Regierung.
In der Öffentlichkeit traten sie als Befreier und Alternative zur Regierung auf. Die Berichte von Amnesty International und den Vereinten Nationen zeichnen von der humanitären Lage in den eroberten Gebieten jedoch ein völlig anderes Bild. Infolge der gewaltvollen Eroberung wurden diverse Gräueltaten und Verbrechen gegen die Menschlichkeit dokumentiert. UN-Berichte belegen, dass Ruanda die M23-Miliz nicht nur mit Waffen belieferte, sondern zusätzlich 4.000 eigene Kämpfer in den Kongo schickte, die dort zusammen mit M23-Rebellen kämpfen.
Bevor Kasay vor dem neuen Regime floh, fotografierte er die vielen zivilen Opfer, die auf den Straßen in Goma hingerichtet worden waren – in der Hoffnung, dass die Dokumentationen in Zukunft als Belege der Gräueltaten gegen die Miliz verwendet werden könnten. Zudem berichtete der 24-Jährige, dass ihnen das Bergen der Leichen verboten wurde. Erst nachdem die Stadt vollständig von der Miliz besetzt war und keine Soldaten der kongolesischen Armee mehr vor Ort waren, beruhigte sich die angespannte Lage ansatzweise. Das Ausmaß der Kämpfe nahm zwar erheblich ab, jedoch überfielen M23-Rebellen willkürlich Zivilist:innen.
Justin Mutabesha, der ebenfalls infolge der Besetzung nach Kenia floh, erlebte, wie ein junger Mann von M23-Kämpfern zunächst angehalten und befragt wurde. Weil er sich nicht richtig ausweisen konnte, erschossen sie ihn.
Es liegen keine genauen Angaben zu den Opferzahlen vor, jedoch berichtete eine UN-Vertreterin bereits Anfang Februar letzten Jahres von mindestens 2.900 Toten. Zudem wurden Zivilist:innen verschleppt und womöglich zwangsrekrutiert.
Gewalt in Haftanstalten
Ehemalige zivile Häftlinge berichteten Amnesty International von rechtswidrigen Gefangennahmen und Inhaftierungen in den Gefängnissen der M23. Alle 18 Befragten gaben an, dass sie entweder selbst gefoltert wurden oder mit ansehen mussten, wie M23-Kämpfer andere Inhaftierte folterten. Franziska Ulm von Amnesty International bestätigt, dass Menschen sowohl in den Haftanstalten der M23 als auch an öffentlichen Orten regelmäßig gefoltert und misshandelt werden. Die Inhaftierten haben keinen zuverlässigen Zugang zu Wasser und Nahrung, zudem wird keine medizinische Versorgung gewährleistet.
Kinderarbeit in kongolesischen Minen und wie Smartphone-Hersteller davon profitieren
Über die Hälfte des weltweit gewonnen Kobalts stammt aus kongolesischen Minen, und die Nachfrage wächst angesichts der Energie- und Mobilitätswende stetig. In diesen Abbaugebieten werden Kinder eingesetzt, um das kobalthaltige Gestein zur Gewinnung des Rohstoffs abzubauen, wobei selbst zwölfjährige Kinder in 24-Stunden-Schichten dort arbeiten. Kobalt ist ein essenzieller Bestandteil in den Akkus von Elektronikgeräten, weswegen Tech-Konzerne wie Apple und Samsung, aber auch bekannte Automobilhersteller auf den Rohstoff angewiesen sind. Der Bericht This is what we die for von Amnesty International und Afrewatch zeigt, dass die Elektronikhersteller nicht nachweisen können, dass das in ihren Produkten verwendete Kobalt frei von Kinderarbeit ist. Angesichts der Vorwürfe appelliert Amnesty an die Länder, in denen die betroffenen Unternehmen ihren Sitz haben, mehr Transparenz sowie die Einhaltung menschenrechtlicher Sorgfaltspflichten konsequent einzufordern.
