Feministische Kritik am internationalen Recht

Von: Oliver Montag

Ein­lei­tung

Die zent­ra­le The­se der fe­mi­nis­ti­schen in­ter­na­ti­o­na­len Rechts­wis­sen­schaft lau­tet, dass das in­ter­na­ti­o­na­le Rechts­sys­tem Män­ner pri­vi­le­giert und Frau­en mar­gi­na­li­siert. Ent­schei­dun­gen über Form und In­halt von Rechts­nor­men wer­den über­wie­gend durch Män­ner ge­trof­fen. Die Be­dürf­nis­se von Frau­en blei­ben da­bei un­be­rück­sich­tigt. Statt­des­sen wird die männ­li­che Per­spek­ti­ve un­kri­tisch auf die weib­li­che über­tra­gen und männ­li­che Be­dürf­nis­se so­wie Er­fah­run­gen zur Norm er­klärt. Im Zen­trum der Kri­tik ste­hen mi­so­gy­ne, se­xis­ti­sche und pat­ri­ar­cha­le Struk­tu­ren. Ge­mäß der ak­tu­ell viel­fach zi­tier­ten De­fi­ni­ti­on von Kate Man­ne be­schreibt Mi­so­gy­nie die „feind­se­li­gen ge­sell­schaft­li­chen Kräf­te, mit de­nen (a) eine (grö­ße­re oder klei­ne­re) Grup­pe von Frau­en und Mäd­chen kon­fron­tiert ist, eben weil sie Frau­en und Mäd­chen in die­ser ge­sell­schaft­li­chen Stel­lung sind; und die (b) der Kon­trol­le und Durch­set­zung ei­ner pat­ri­ar­cha­li­schen Ord­nung die­nen und sich in Ver­bin­dung mit an­de­ren, sich über­schnei­den­den Herr­schafts- und Be­nach­tei­li­gungs­sys­te­men äu­ßern, die für die re­le­van­te Frau­en­grup­pe gel­ten“. Da­ne­ben soll­te Se­xis­mus pri­mär als Recht­fer­ti­gungs­or­gan ei­ner pat­ri­ar­cha­li­schen Ord­nung durch eine Ide­o­lo­gie be­grif­fen wer­den, de­ren all­ge­mei­ne Funk­ti­on da­rin bes­teht, pat­ri­ar­cha­li­sche So­zi­al­be­zie­hun­gen zu ra­ti­o­na­li­sie­ren und zu recht­fer­ti­gen. Zu­sam­men­fas­send ist Mi­so­gy­nie das Mit­tel zur Durch­set­zung der da­hin­terste­hen­den se­xis­ti­schen Ide­o­lo­gie. Im Fol­gen­den wer­den ei­ni­ge der wich­tigs­ten The­ma­ti­ken der ak­tu­el­len De­bat­te, ins­be­son­de­re auf Grund­la­ge des Auf­sat­zes ‚Fe­mi­nist Ap­proa­ches to in­ter­na­ti­o­nal Law‘ von Hila­ry Char­les­worth, Chris­tin Chin­kin und Shel­ly Wright, kurz er­läu­tert und im An­schluss die Ent­wick­lung der Frau­en­rech­te auf Ebe­ne der Ver­ein­ten Na­ti­o­nen nach­ge­zeich­net.

Die Öf­fent­lich­keit/Pri­vat­heit-Di­cho­to­mie

Wich­ti­ges struk­tu­rel­les Merk­mal im öf­fent­li­chen Recht ist für die fol­gen­de Ana­ly­se die Un­ter­schei­dung zwi­schen öf­fent­li­cher und pri­va­ter Sphä­re. Im na­ti­o­na­len und in­ter­na­ti­o­na­len Recht fin­det sich die­se Un­ter­schei­dung in der Ab­gren­zung ver­schie­de­ner Rechts­be­rei­che und Sys­te­me wie­der. In­te­res­sant für uns ist die auf tie­fe­rer Ebe­ne statt­fin­den­de gen­der­ba­sier­te Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Öf­fent­lich­keit und Pri­vat­heit. De­fi­niert wird die öf­fent­li­che Sphä­re als der Ort des po­li­ti­schen, öko­no­mi­schen, in­tel­lek­tu­el­len und kul­tu­rel­len Le­bens. Sie wird tra­di­ti­o­nell mit dem Mann ver­knüpft. Die pri­va­te Sphä­re um­fasst da­ge­gen den Ort des Häus­li­chen, der Ver­sor­gung und der Kin­der­er­zie­hung und wird tra­di­ti­o­nell mit der Frau ver­knüpft. Der öf­fentli­chen Sphä­re wur­de ein hö­he­rer Wert zu­ge­spro­chen. Das männ­li­che Mo­no­pol über die öf­fent­li­che Sphä­re – und da­mit über die öko­no­mi­schen und po­li­ti­schen Mit­tel – si­cher­te die po­li­ti­sche, ge­sell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Dom­inanz der Män­ner und die Sub­or­di­na­ti­on von Frau­en. Sie ist über vie­le Ge­sell­schaf­ten hin­weg vor­zu­fin­den und ma­ni­fes­tiert sich bis heu­te u. a. in der klas­si­schen Ar­beits­tei­lung zwi­schen Frau­en und Män­nern und de­ren Ent­loh­nung.

Da­rü­ber hi­naus wur­den die Ver­hal­tens­wei­sen von Män­nern und Frau­en über Jahr­tau­sen­de hin­weg ge­gen­sätz­lich kon­stru­iert. Na­tür­li­ches männ­li­ches Ver­hal­ten galt als ak­tiv. Ty­pi­sche As­so­zi­a­ti­o­nen wa­ren Be­harr­lich­keit, Neu­gier, Am­bi­ti­on, Ver­ant­wor­tung und Wett­be­werb – Fä­hig­kei­ten, ge­eig­net, um an der öf­fent­li­chen Sphä­re teil­zu­neh­men. Frau­en wur­de da­ge­gen Pas­si­vi­tät zu­ge­spro­chen. Da­mit geht Af­fek­ti­vi­tät, Emo­ti­o­na­li­tät, Ge­hor­sam und Un­ter­wür­fig­keit ein­her. Dies dien­te der Es­sen­ti­a­li­sie­rung der zu­grun­de lie­gen­den se­xis­ti­schen Ide­o­lo­gie.

 

UN-Kam­pag­ne, um auf Ge­walt ge­gen Frau­en und Mäd­chen auf­merk­sam zu ma­chen

Die Un­ter­schei­dung ma­ni­fes­tiert sich auch in der Spra­che des Rechts: As­so­zi­a­ti­o­nen, die dem Öf­fent­li­chen bzw. dem Männ­li­chen zu­ge­schrie­ben wer­den, sind jene, die auch das Recht cha­rak­te­ri­sie­ren, da­run­ter Kul­tur, Ra­ti­o­na­li­tät, Macht und Ob­jek­ti­vi­tät. Auch ist Be­zugs­punkt des Rechts oft­mals das Öf­fent­li­che. Das Pri­va­te, da­run­ter die Fa­mi­lie und die Häus­lich­keit, wur­de in be­son­de­rer Wei­se vom Recht ab­ge­son­dert. Das be­deu­tet nicht not­wen­di­ger­wei­se, dass die­ser Be­reich we­ni­ger recht­li­cher Re­gu­lie­rung un­ter­wor­fen ist. So zeigt sich dies bei­spiels­wei­se auch da­rin, dass pat­ri­ar­cha­le Wer­te in be­son­de­rer Wei­se recht­lich ge­schützt wer­den oder ge­schlechts­spe­zi­fi­sche Ge­walt in­ner­halb der häus­li­chen Sphä­re nicht kon­se­quent ver­folgt wird. Ge­walt in­ner­halb der häus­li­chen oder fa­mi­li­ä­ren Sphä­re wird weit we­ni­ger recht­li­che und me­di­a­le Auf­merk­sam­keit zu­teil.

Im Glo­ba­len Sü­den sind Frau­en und Mäd­chen zu­sätz­lich über­pro­por­ti­o­nal durch neo­ko­lo­ni­a­le Struk­tu­ren be­trof­fen. Über­haupt wur­den in vie­len Re­gi­o­nen pat­ri­ar­cha­le Struk­tu­ren erst durch den Ko­lo­ni­a­lis­mus lan­ciert. Die zu­sätz­li­chen Un­ter­drü­ckungs­for­men füh­ren zu teils un­ter­schied­li­chen For­de­run­gen der dor­ti­gen fe­mi­nis­ti­schen Be­we­gun­gen. Wie eine groß an­ge­leg­te Stu­die, durch­ge­führt von Nam­ja Chowd­hu­ry und Baba­ra Nel­son, na­helegt, ver­eint Frau­en aus al­len Re­gi­o­nen der Welt je­doch die Un­ter­drü­ckung durch pat­ri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren.

Die or­ga­ni­sa­to­ri­sche Struk­tur

Das in­ter­na­ti­o­na­le Recht nimmt pri­mär auf Staa­ten und in­ter­na­ti­o­na­le Or­ga­ni­sa­ti­o­nen Be­zug. In die­sen sind Frau­en in Ent­schei­dungs- und Macht­po­si­ti­o­nen häu­fig un­ter­re­prä­sen­tiert. Da­ge­gen kon­zen­triert sich die Macht in ei­ner Eli­te, die sich un­ter Recht­fer­ti­gung ge­gen­über dem Volk das Ge­walt­mo­no­pol si­chert, um die­se Struk­tu­ren er­hal­ten zu kön­nen. In­dem das in­ter­na­ti­o­na­le Recht den Staa­ten sou­ve­rä­ne Gleich­heit, po­li­ti­sche Un­ab­hän­gig­keit und ter­ri­to­ri­a­le In­teg­ri­tät zu­spricht, si­chert und ver­tei­digt es die­se Struk­tu­ren. Da in­ter­na­ti­o­na­le Or­ga­ni­sa­ti­o­nen maß­geb­lich durch die Staa­ten selbst ge­formt und Ver­tre­ter:in­nen häu­fig di­rekt durch die Staa­ten ent­sen­det wer­den, fin­den sich dort ähn­li­che Struk­tu­ren wie­der. So mag Uni­ver­sa­li­tät in den Ver­ein­ten Na­ti­o­nen hin­sicht­lich der Na­ti­o­nen na­he­zu er­reicht sein, doch un­ter Aus­schluss von Frau­en ist die Po­pu­la­ti­on nur ein­sei­tig männ­lich re­prä­sen­tiert. Letzt­lich wer­den auf Ebe­ne der in­ter­na­ti­o­na­len Or­ga­ni­sa­ti­o­nen, ins­be­son­de­re der Ver­ein­ten Na­ti­o­nen, Ent­schei­dun­gen mit er­heb­li­chen Aus­wir­kun­gen auf Frau­en ge­trof­fen, wo­bei die­se nur be­grenzt Ein­fluss auf In­halt und Form der Ent­schei­dun­gen neh­men kön­nen.

Graf­fi­ti „Fight Sex­ism!“ Foto: Mar­kus Spis­ke auf pexels.com

Fe­mi­nis­ti­sche Kri­tik an Rechts­nor­men

Die fe­mi­nis­ti­sche Kri­tik an Rech­ten hin­ter­fragt, ob ge­setz­lich ver­an­ker­te Rech­te tat­säch­lich die Gleich­stel­lung von Frau­en ver­bes­sern. Fe­mi­nis­ti­sche Wis­sen­schaft­ler:in­nen ar­gu­men­tie­ren, dass die For­mu­lie­rung von Rech­ten in den frü­hen Pha­sen der fe­mi­nis­ti­schen Be­we­gung po­li­tisch zwar not­wen­dig ge­we­sen sei, von ei­ner fort­dau­ern­den Fo­kus­sie­rung auf Rech­te je­doch kei­ne we­sent­li­chen Fort­schrit­te mehr zu er­war­ten sind. In der tat­säch­li­chen Pra­xis ver­ei­teln häu­fig Macht­asym­me­tri­en auf­grund von struk­tu­rel­len Un­gleich­hei­ten die an­vi­sier­te Wir­kung. Wei­ter­hin über­sim­pli­fi­ziert der recht­li­che Dis­kurs kom­ple­xe Macht­struk­tu­ren. In der Kri­tik wer­den ins­be­son­de­re drei As­pek­te her­vor­ge­ho­ben: Zu­nächst bleibt bei der Im­ple­men­tie­rung neu­er Frau­en­rech­te häu­fig un­be­rück­sich­tigt, dass sie mit be­reits bes­te­hen­den Rech­ten im Wi­der­spruch ste­hen kön­nen. Die recht­li­che Am­bi­va­lenz führt zu ei­ner di­rek­ten Schwä­chung der an­vi­sier­ten Wir­kung.

Da­ne­ben exis­tie­ren Rech­te, die Frau­en di­rekt be­nach­tei­li­gen. Das Recht auf freie Re­li­gi­ons­aus­übung wirkt sich bei­spiels­wei­se un­ter­schied­lich auf Män­ner und Frau­en aus. Vie­le ak­zep­tier­te re­li­gi­ö­se Prak­ti­ken im­pli­zie­ren ei­nen re­du­zier­ten so­zi­a­len Sta­tus der Frau. Durch das Recht ge­schütz­te tra­di­ti­o­nel­le Wer­te ha­ben ei­nen ähn­li­chen Ef­fekt. Der Wi­der­spruch zwi­schen fe­mi­nis­ti­schen, eman­zi­pa­to­ri­schen Wer­ten und tra­di­ti­o­nel­len Wer­ten bil­det vor al­lem für Frau­en im Glo­ba­len Sü­den den Kern­as­pekt der Men­schen­rechts­dis­kus­si­on.

Da­rü­ber hi­naus ad­res­sie­ren Frau­en­rech­te häu­fig nur Ein­zel­fall­prob­le­ma­ti­ken, ver­bes­sern je­doch nicht die struk­tu­rel­le Be­nach­tei­li­gung von Frau­en als ge­sell­schaft­li­che Grup­pe.

Gleich­zei­tig wird an­er­kannt, dass Rech­te durch­aus eine po­si­ti­ve Wir­kung auf un­ter­drück­te Grup­pen ha­ben. So kön­nen sie bei­spiels­wei­se eine star­ke sym­bo­li­sche Wirk­kraft ent­fal­ten und da­bei hel­fen, eine Or­ga­ni­sa­ti­ons­struk­tur im Kampf ge­gen Un­gleich­heit zu for­mie­ren.

Ent­wick­lung in­ter­na­ti­o­na­ler Frau­en­rech­te und ak­tu­el­ler Stand

Ne­ben ei­ni­gen frü­hen Ar­beits­rechts­kon­ven­ti­o­nen aus der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts, die spe­zi­fisch die Be­dürf­nis­se von Frau­en ad­res­sie­ren, so­wie ei­ner wach­sen­den Li­te­ra­tur ist die pro­mi­nen­tes­te Er­run­gen­schaft die im Jahr 1981 in Kraft ge­tre­te­ne UN-Frau­en­rechts­kon­ven­ti­on (Con­ven­ti­on on the Eli­mi­na­ti­on of All Forms of Discri­mi­na­ti­on against Wo­men – CE­DAW). Be­acht­lich war, dass an­ders als in vor­he­ri­gen Anti-Dis­kri­mi­nie­rungs­klau­seln in Ar­ti­kel 1 der Kon­ven­ti­on nicht bloß eine Gleich­stel­lung in den Chan­cen an­ge­strebt ist, son­dern eine Gleich­stel­lung im Re­sul­tat ge­for­dert ist. Dies recht­fer­tig­te Pro­gram­me zur För­de­rung be­nach­tei­lig­ter Grup­pen und zum Schutz vor in­di­rek­ter Dis­kri­mi­nie­rung. Ein­fa­cher aus­ge­drückt er­laubt die­ser Ar­ti­kel Un­gleich­be­hand­lung, um die fak­ti­sche Gleich­stel­lung von Frau­en zu er­rei­chen. Auch legt die Kon­ven­ti­on ei­nen be­son­de­ren Fo­kus auf ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Prob­le­ma­ti­ken und ad­res­siert da­rü­ber hi­naus He­raus­for­de­run­gen, die kon­textspe­zi­fisch sind, d. h. die man­che Frau­en be­tref­fen, an­de­re je­doch nicht

All­er­dings wur­den für Gleich­heit wei­ter­hin männ­li­che Stan­dards he­ran­ge­zo­gen. Gleich­heit kann dem­nach er­reicht wer­den, in­dem Bar­rie­ren iden­ti­fi­ziert und be­sei­tigt wer­den, die Frau­en da­ran hin­dern, den­sel­ben Sta­tus zu er­rei­chen wie ein Mann. All­er­dings lässt die­se Schluss­fol­ge­rung die vie­len Un­ter­schie­de und Un­ge­rech­tig­kei­ten zwi­schen den Ge­schlech­tern un­be­ach­tet und ver­schlei­ert die Schrit­te, die nö­tig sind, um fak­ti­sche Gleich­heit zu er­rei­chen. Denn die Be­dürf­nis­se von Män­nern kön­nen nicht ohne wei­te­res auf Frau­en über­tra­gen wer­den. Se­xis­mus ist kei­ne recht­li­che Ano­ma­lie, son­dern ein struk­tu­rel­les Prob­lem, des­sen Ur­sa­chen tief in den Denk­struk­tu­ren ver­an­kert sind. Da­rü­ber hi­naus stellt die CE­DAW schwä­che­re An­for­de­run­gen an die Im­ple­men­tie­rung von Frau­en­rech­ten als bei­spiels­wei­se die ‚In­ter­na­ti­o­nal Con­ven­ti­on on the Eli­mi­na­ti­on of All Forms of Ra­ci­al Discri­mi­na­ti­on‘. So ha­ben Staa­ten zahl­rei­che Aus­nah­men und Er­klä­rungs­vor­be­hal­te nie­der­ge­legt.

Ar­ti­kel 28 Abs. 1 der Frau­en­rechts­kon­ven­ti­on er­laubt dies aus­drück­lich, so­fern die Aus­nah­men nicht un­ver­ein­bar mit Ab­sicht und Ge­gen­stand der Kon­ven­ti­on sind. Den­noch wur­den vie­le Aus­nah­men von den Ver­pflich­tun­gen der Kon­ven­ti­on ge­macht, die an­de­re Ver­trags­staa­ten als nicht kom­pa­ti­bel mit der Ab­sicht und dem Ge­gen­stand der Kon­ven­ti­on be­trach­ten – und von den üb­ri­gen Ver­trags­staa­ten hin­ge­nom­men. Da­run­ter be­fan­den sich oft re­li­gi­ö­se oder in­ner­staat­li­che Ge­set­ze, die u. a. Ei­gen­tums­rech­te von Frau­en und de­ren Recht auf Erb­schaft be­schrän­ken, oder auch Ge­set­ze zur Ein­schrän­kung der öko­no­mi­schen Mög­lich­kei­ten, der Frei­zü­gig­keit und der Wahl des Wohn­sit­zes. Ins­ge­samt stan­den Men­ge und Aus­maß der ge­mach­ten Ein­schrän­kun­gen in star­kem Kon­trast zu den we­ni­gen Vor­be­hal­ten, die bei­spiels­wei­se bei der Ra­ti­fi­zie­rung der ‚Con­ven­ti­on on the Eli­mi­na­ti­on of All Forms of Ra­ci­al Discri­mi­na­ti­on‘ ein­ge­bracht wor­den sind.

Die 16 Jah­re spä­ter ver­ab­schie­de­te ‚Bei­jing Decla­ra­ti­on and Plat­form for Ac­tion‘ ist die wohl wich­tigs­te Er­run­gen­schaft für Frau­en im in­ter­na­ti­o­na­len Rechts­sys­tem. Be­deu­ten­der Best­and­teil der De­kla­ra­ti­on ist die ‚no cul­tu­ral exemp­ti­on‘-Klau­sel, die Aus­nah­men von den Ver­pflich­tun­gen auf­grund kul­tu­rel­ler Be­son­der­hei­ten nicht zu­lässt. Die De­kla­ra­ti­on wur­de von 189 Staa­ten an­er­kannt und mar­kiert un­zäh­li­ge Ge­bie­te, in de­nen Ver­bes­se­run­gen und Fort­schrit­te in der Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit un­ab­ding­bar sind. Au­ßer­dem sieht sie vor, alle fünf Jah­re die er­ziel­ten Fort­schrit­te zu über­prü­fen und zu be­ur­tei­len. Die in Pe­king er­ziel­ten Fort­schrit­te bau­ten auf den Er­geb­nis­sen der ‚Wie­ner Kon­fe­renz für Men­schen­rech­te‘ im Jahr 1993 auf. Dort wur­den im Rah­men der ‚Vien­na Decla­ra­ti­on and Pro­gram­me for Ac­tion‘, maß­geb­lich be­ru­hend auf fe­mi­nis­ti­schen Ini­ti­a­ti­ven und Or­ga­ni­sa­ti­o­nen, die Rech­te von Frau­en und Mäd­chen als un­ver­äu­ßer­li­cher, in­teg­ra­ler und un­trenn­ba­rer Teil der uni­ver­sel­len Men­schen­rech­te an­er­kannt und dazu auf­ge­ru­fen, die Men­schen­rech­te von Frau­en in die UN-Men­schen­rechts­sys­te­ma­tik, -Nor­men und -Ak­ti­vi­tä­ten zu in­teg­rie­ren. Tra­gen­der Me­cha­nis­mus für Frau­en­rech­te in­ner­halb der UN ist heut­zu­ta­ge die ‚Uni­ted Na­ti­ons En­ti­ty for Gen­der and Equa­li­ty and the Em­po­wer­ment of Wo­men‘ (UN-Wo­men). Die In­sti­tu­ti­on för­dert die Gleich­stel­lung von Frau­en im UN-Sys­tem und leis­tet ent­wick­lungs­po­li­ti­sche Pro­gramm­ar­beit zu Frau­en­för­de­rung und Ge­schlech­ter­ge­rech­tig­keit. Au­ßer­dem be­rät sie Gre­mi­en und Mit­glieds­staa­ten.

In den letz­ten Jah­ren ha­ben Men­schen­rechts­ge­rich­te eine Rei­he von Ur­tei­len ge­fällt, die sich mit der Ver­let­zung frau­en­be­zo­ge­ner Men­schen­rech­te, ge­schlechts­spe­zi­fi­scher Ge­walt und dem Ver­sa­gen von Staa­ten bei der Ver­hin­de­rung, Ver­fol­gung und Be­stra­fung ent­spre­chen­der Ta­ten durch nichts­taat­li­che Ak­teu­re be­fas­sen. Der CE­DAW-Aus­schuss ver­tritt mitt­ler­wei­le die Auf­fas­sung, dass so­wohl eine aus­rei­chen­de Rechts­über­zeu­gung als auch die ent­spre­chen­de Staa­ten­pra­xis vor­han­den ist, um das Ver­bot ge­schlechts­spe­zi­fi­scher Ge­walt ge­gen­über Frau­en als in­ter­na­ti­o­na­les Ge­wohn­heits­recht (teils un­ge­schrie­be­ne, aber den­noch ver­bind­li­che Rechts­nor­men) ein­zustu­fen. Nach­dem es ab Be­ginn der 1990er Jah­re ei­nen re­gel­rech­ten Auf­schwung an Re­for­men gab, flau­te die Ent­wick­lung zu Be­ginn der 2000er Jah­re wie­der ab. Akt­uel­le Zah­len, ge­sam­melt von der ‚UN Com­mis­si­on for the Sta­tus of Wo­men’ und ver­öf­fent­licht durch den UN-Ge­ne­ral­sekre­tär im Feb­ru­ar 2026, be­le­gen nach wie vor gro­ße Miss­stän­de: Zwar be­rich­te­ten 2024 90 % der UN-Mit­glieds­staa­ten, dass sie  die Um­set­zung von Nor­men zum Schutz vor ge­schlechts­spe­zi­fi­scher Ge­walt ge­gen Frau­en so­wie die Ver­fol­gung ent­spre­chen­der Vers­tö­ße vers­tärkt ha­ben; au­ßer­dem ha­ben 40 Staa­ten im ver­gan­ge­nen Jahr­zehnt Än­de­run­gen in ih­ren Ver­fas­sun­gen vor­ge­nom­men, um die Rech­te von Frau­en und Mäd­chen zu stär­ken – den­noch ha­ben Frau­en wei­ter­hin mit gro­ßen Un­gleich­hei­ten zu kämp­fen. In 70 % der un­ter­such­ten Staa­ten ha­ben Frau­en kei­nen gleich­be­rech­tig­ten Zu­gang zu recht­li­chen In­sti­tu­ti­o­nen und da­mit zu ef­fek­ti­vem Rechts­schutz. Als Ur­sa­chen wer­den dis­kri­mi­nie­ren­de Ge­setz­ge­bung, schwer zu­gäng­li­che recht­li­che Struk­tu­ren, die un­zu­rei­chen­de Im­ple­men­tie­rung bes­te­hen­der Rechts­nor­men so­wie pat­ri­ar­cha­le Nor­men aus­ge­macht. Der feh­len­de Zu­gang be­droht das Le­ben von Frau­en und Mäd­chen, führt häu­fig zu Straf­lo­sig­keit der Tä­ter und er­hält das Sys­tem auf­recht. Im Jahr 2026 ver­fü­gen Frau­en welt­weit nur über 64 % der Rech­te von Män­nern. 54 % der Frau­en kön­nen sich nicht auf eine kon­sens­ba­sier­te recht­li­che De­fi­ni­ti­on von Ver­ge­wal­ti­gung be­ru­fen und für 72 % gibt es kei­ne Re­ge­lun­gen, die eine glei­che Be­zah­lung für glei­che Ar­beit ge­währ­leis­ten. Auch die Um­set­zung bes­te­hen­der recht­li­cher Rah­men­be­din­gun­gen er­weist sich wei­ter­hin als un­zu­rei­chend. Selbst dort, wo for­mal recht­li­che Gleich­stel­lung er­reicht ist, bleibt sie für vie­le Frau­en und Mäd­chen de fac­to au­ßer Reich­wei­te. Die Zah­len be­le­gen, dass die Prob­le­me vor al­lem struk­tu­rel­ler Na­tur sind.