Wenn Banden herrschen

Von: Chris­ti­an Ei­sen­reich

Im dritt­größ­ten ka­ri­bi­schen Staat Hai­ti über­nahm 2024 for­mal der Ge­schäfts­mann und Po­li­ti­ker Alix Di­dier Fils-Aimé das Amt des Mi­nis­ter­prä­si­den­ten. Die ei­gent­li­che Macht im Land hat je­doch längst nicht mehr die Staats­re­gie­rung, son­dern stark be­waff­ne­te Groß­ban­den wie Gran Grif, die Angst und Schre­cken ver­brei­ten, sich kor­rup­ten Po­li­ti­kern als Söld­ner an­bie­ten und re­gel­mä­ßig blu­ti­ge Mass­aker an­rich­ten. NGOs wie Am­nesty In­ter­na­ti­o­nal for­dern ein här­te­res Durch­grei­fen ge­gen die zahl­rei­chen Ban­den im Land – so­fern dies über­haupt noch mög­lich ist.

Blu­ti­ge Mass­aker

Die Ban­den­fa­mi­lie Gran Grif do­mi­niert seit ge­rau­mer Zeit die Re­gi­on Art­ibo­ni­te in Hai­ti. Wenn sie zu ei­nem ih­rer bru­ta­len Raub­zü­ge auf­bre­chen, sind die Op­fer­zah­len oft mehrstel­lig. So star­ben bei ei­nem Mass­aker im Ap­ril 2026 in der zent­ral ge­le­ge­nen Groß­stadt Pe­ti­te-Ri­vière-de-l’Ar­ti­bo­ni­te nach Schät­zung der Ver­ein­ten Na­ti­o­nen bis zu 70 Men­schen. Bei dem Über­falls plün­der­te Gran Grif min­des­tens 50 Häu­ser und steck­te sie an­schlie­ßend in Brand. Tau­sen­de muss­ten flie­hen. Es ist ei­ner der jüngs­ten Vor­fäl­le ei­ner gan­zen Ket­te von blu­ti­gen Aus­ei­nan­der­set­zun­gen mit teils noch weit­aus hö­he­ren Op­fer­zah­len.

Von Ban­den kon­trol­lier­te Ge­bie­te von Port-au-Prin­ce (Stand 2022). Foto: GI­TOC

 So ent­lud sich 1987 in der Nähe der land­wirt­schaft­lich ge­präg­ten Stadt Jean-Ra­bel ein lang schwe­len­der Dis­put über den Be­sitz von Län­de­rei­en zwi­schen wohl­ha­ben­den Land­be­sit­zern und ei­ner Grup­pe na­mens Tet An­samn, die sich für eine Land­re­form und Um­ver­tei­lung ein­ge­setzt hat­te, in ei­nem äu­ßerst bru­ta­len Mass­aker. Über 200 Mit­glie­der der Tet An­samn wur­den von ei­ner pa­ra­mi­li­tä­ri­schen Ein­heit um­zin­gelt und mit Ma­che­ten und Knüp­peln ab­ge­schlach­tet, nach­dem die Re­for­mer ih­rer­seits zu­vor zehn Men­schen um­ge­bracht hat­ten. Es wird ver­mu­tet, dass der Be­fehl da­mals vom Oli­gar­chen Rémy Lucas er­teilt wur­de. Dies konn­te al­ler­dings nie end­gül­tig be­wie­sen wer­den; Lucas wur­de Ende der 1990er Jah­re nur vo­rü­ber­ge­hend fest­ge­nom­men.

Be­denk­li­che Feu­er­kraft

Heu­te grei­fen die Ban­den längst nicht mehr zu kru­den Ma­che­ten, son­dern zu mo­der­nen Hand­feu­er­waf­fen und Sturm­ge­weh­ren. Das Gen­fer Büro der Ver­ein­ten Na­ti­o­nen be­fass­te sich im Ok­to­ber 2025 mit der Her­kunft die­ser Waf­fen. So zir­ku­lier­ten zu die­sem Zeit­punkt rund eine hal­be Mil­li­on il­le­ga­ler Waf­fen in Hai­ti, das selbst über kei­ne nen­nens­wer­te Rüstungs­in­dust­rie ver­fügt – sie müs­sen da­her fast aus­schließ­lich aus dem Aus­land stam­men. Die Ver­ein­ten Na­ti­o­nen ver­häng­ten 2022 ein um­fang­rei­ches Waf­fen­em­bar­go, das seit­her al­ler­dings re­gel­mä­ßig um­gan­gen wird. Die Be­hör­den in Hai­ti kön­nen den ste­ten Zu­strom der Rüstungs­gü­ter kaum ein­däm­men. Kriegs­taug­li­che Feu­er­waf­fen wer­den über­wie­gend über die USA, Ve­ne­zu­e­la und ver­schie­de­ne süd­ame­ri­ka­ni­sche Staa­ten ein­ge­schmug­gelt. Als Haupt­um­schlag­plät­ze gel­ten die ame­ri­ka­ni­schen Küs­ten­städ­te Mi­a­mi und New York. Eine ent­spre­chen­de Lie­fe­rung von Mi­a­mi an Hai­ti konn­te im Feb­ru­ar 2025 in der Dom­ini­ka­ni­schen Re­pub­lik ab­ge­fan­gen wer­den und be­in­hal­te­te ein schwe­res hal­bau­to­ma­ti­sches Ba­rett M82 ame­ri­ka­ni­scher Bau­art, ver­schie­de­ne Scharf­schüt­zen­ge­weh­re, eine Uzi und ins­ge­samt über 30 Tau­send Pat­ro­nen. Mit die­ser Grund­aus­stat­tung lie­ße sich jede Stra­ßen­gang zu ei­ner schlag­kräf­ti­gen Mi­li­tär­ein­heit auf­wer­ten. Die Schmug­gel­wa­re wird an­de­ren Lie­fe­run­gen un­ter­ge­mischt oder als hu­ma­ni­tä­re Hilfs­mit­tel de­kla­riert. In­ner­halb von Hai­ti ge­ben da­rü­ber hi­naus pri­va­te Si­cher­heits­fir­men ihre le­gal re­gist­rier­ten Schuss­waf­fen un­ter der Hand an be­freun­de­te Ban­den­mit­glie­der wei­ter.

Ver­bre­chen als Dienst­leis­tung

Im Be­richt „Gangs of Hai­ti“ vom Ok­to­ber 2022 be­leuch­tet die Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­on Glo­bal Ini­ti­a­ti­ve Against Trans­na­ti­o­nal Or­gan­ized Cri­me (GI­TOC) die Ent­ste­hung und Struk­tur der Ban­den und Pri­vat­ar­me­en in Hai­ti und zeich­net das dysto­pi­sche Bild ei­nes Staa­tes un­ter groß­flä­chi­ger Kon­trol­le von Ban­den, Gangs­tern und kor­rup­ten Po­li­ti­kern. Nach ei­nem ge­schei­ter­ten Mi­li­tär­putsch ge­gen den da­ma­li­gen Prä­si­den­ten François Duva­lier 1958 grün­de­te die­ser mit den Ton­ton Ma­cou­tes sei­ne ei­ge­ne Mi­liz, die er ge­gen die Op­po­si­ti­on ein­setz­te. Mit die­ser Ar­mee konn­te er sich und sei­nen Sohn Jean-Claude lan­ge im Prä­si­den­ten­amt hal­ten, bis Ge­ne­ral Hen­ri Nam­phy im Feb­ru­ar 1986 den da­mals herr­schen­den Jean-Claude De­va­lier nach Frank­reich ver­trieb. Sein Va­ter war be­reits verstor­ben. Die in­zwi­schen mehr­fach um­be­nann­te Kampf­trup­pe wur­de for­mal auf­ge­löst, al­ler­dings nicht ent­waff­net, und re­for­mier­te sich zu ei­ner neu­en Ma­cou­te. In der Fol­ge setz­te sich eine Spi­ra­le aus Mi­li­tär­put­schen, Grün­dun­gen und Auf­lö­sun­gen ver­schie­de­ner Ar­meen in Gang. Eine vollstän­di­ge Ent­waff­nung der je­wei­li­gen Ver­lie­rer ge­lang da­bei nie. Die un­kon­trol­lier­te Zir­ku­la­ti­on von Kriegs­ge­rät führt seit­her zur re­gel­mä­ßi­gen Grün­dung neu­er Kampf­trup­pen auf al­len Sei­ten des po­li­ti­schen Spek­trums.

Ein schwe­res Erd­be­ben im Jahr 2010 stürz­te das oh­ne­hin ext­rem arme Hai­ti noch tie­fer in den exis­ten­ti­el­len Ab­grund. Ein Kurz­bei­trag des UN-Nach­rich­ten­por­tals weist enor­me Op­fer­zah­len aus: Das 35 Se­kun­den an­dau­ern­de Be­ben koste­te eine Vier­tel­mil­li­on Men­schen das Le­ben, eine Drit­tel­mil­li­on wur­de ver­letzt. Die Na­tur­ka­ta­stro­phe be­schleu­nig­te die Zer­split­te­rung der Pri­vat­ar­me­en in ag­gres­si­ve, klei­ne­re Ver­bre­cher­ban­den, de­nen es we­ni­ger um po­li­ti­sche Zie­le geht als viel­mehr um die Kon­trol­le über Ge­bie­te und die Be­kämp­fung kon­kur­rie­ren­der Ban­den. Auf der an­de­ren Sei­te steht ein kor­rup­ter Macht­ap­pa­rat, in dem Ge­schäfts­po­li­ti­ker und Oli­gar­chen um Macht und Reich­tü­mer kon­kur­rie­ren.

Nach der Er­mor­dung von Prä­si­dent Jo­ve­nel Moïse im Som­mer 2021 kam es zu schwe­ren Aus­schrei­tun­gen. Foto: GI­TOC/Getty Images

 Den füh­ren­den Köp­fen der gro­ßen Ban­den ist es ge­lun­gen, aus die­ser Konstel­la­ti­on ein luk­ra­ti­ves Ge­schäfts­mo­del ab­zu­lei­ten: Or­gan­isier­te Kri­mi­na­li­tät als Dienst­leis­tung. Die Pa­let­te reicht vom Ver­tei­len von Flug­blät­tern am Wahl­tag über Best­echung und Van­da­lis­mus bis hin zur ge­walt­sa­men Un­ter­drü­ckung der Op­po­si­ti­on durch At­ta­cken auf De­monst­ran­ten, At­ten­ta­te, Raub­zü­ge und Grup­pen­mor­de. Al­lein im Zeit­raum von 2018 bis 2022 wur­den in West-Hai­ti 16 Mass­aker mit je­weils bis zu 500 To­ten ver­übt, mit dem Ziel, den da­ma­li­gen Prä­si­den­ten Ariel Henry zu ver­trei­ben. Die Ban­den sa­hen ihn als Draht­zie­her hin­ter der Er­mor­dung sei­nes Vor­gän­gers Jo­ve­nel Moïse, den er mut­maß­lich nach ei­nem Schmier­gelds­kan­dal rund um die Öl-Al­li­anz Pe­tro­Ca­ri­be von aus­län­di­schen Söld­nern hat­te um­brin­gen las­sen. Moïse wer­den sei­ner­seits et­li­che Mass­aker zu­ge­schrie­ben und zum Zeit­punkt des At­ten­tats war sei­ne le­gi­ti­me Re­gie­rungs­zeit längst ab­ge­lau­fen.

Über 200 Ban­den

Die CO­VID-19-Pan­de­mie und eine im­mer de­sast­rö­se­re Wirt­schafts­la­ge sorg­te für ei­nen wei­te­ren sprung­haf­ten An­stieg der Ban­den­zah­len in den letz­ten Jah­ren. Nach Zah­len der New York Ti­mes und Glo­bal Ini­ti­a­ti­ve Against Trans­na­ti­o­nal Or­gan­ized Cri­me sind in­zwi­schen über 200 Ban­den in Hai­ti    ak­tiv, die Hälf­te da­von al­lein in     der Haupt­stadt Port-au-Prin­ce. Sie schlie­ßen sich zu lo­cke­ren so­ge­nann­ten „Fa­mi­li­en“ zu­sam­men und bil­den so be­waff­ne­te pa­ra­mi­li­tä­ri­sche Ein­hei­ten mit je­weils bis zu 1.500 Kämp­fern. Zwei der größ­ten Zu­sam­men­schlüs­se sind die ver­fein­de­te G-Pep und die G9, die im Jahr 2020 entstan­den und seit­her vie­le der ärms­ten Slums von Port-au-Prin­ce do­mi­nie­ren. Die aus neun mäch­ti­gen Ban­den zu­sam­men­ge­setz­te G9-Fa­mi­lie kon­trol­liert Hä­fen und wich­ti­ge Ver­kehrs­adern der Haupt­stadt, was Rei­sen in nörd­lich ge­le­ge­ne Städ­te stark er­schwert und der Ban­de ei­nen enor­men stra­te­gi­schen Vor­teil ver­schafft. Die Al­li­anz hat stets die Mög­lich­keit, Nah­rungs- und Treibstoff­lie­fe­run­gen um­zu­lei­ten oder zu blo­ckie­ren so­wie Händ­ler zu er­pres­sen, die auf den Han­dels­ha­fen an­ge­wie­sen sind. Grün­der und füh­ren­der Kopf der G9 ist der ehe­ma­li­ge Po­li­zist Jimmy Ché­ri­zie, der nach ei­nem Mass­aker in La Sa­li­ne im Jahr 2018 aus dem Po­li­zei­dienst ent­las­sen wur­de. Ins­ge­samt star­ben da­mals über 70 Men­schen – mut­maß­lich ko­or­di­niert von Re­gie­rung und Po­li­zei. Als Ge­gen­be­we­gung zur als lan­ger Arm der Re­gie­rung emp­fun­de­nen G9 schlos­sen sich die re­gi­o­na­len Ban­den von Cité So­lei zur G-Pep zu­sam­men und bo­ten fort­an der po­li­ti­schen Op­po­si­ti­on ihre blu­ti­gen Diens­te an. In den fol­gen­den Jah­ren es­ka­lier­te der Kon­flikt zu ei­nem of­fe­nen Ban­den­krieg quer durch die Haupt­stadt und da­rü­ber hi­naus. Re­gel­mä­ßi­ge Über­fäl­le, Vers­chlep­pun­gen und Massa­ker mit dreistel­li­gen Tod­es­zah­len zer­mür­ben seit 2022 Port-au-Prin­ce und das Um­land.

Droh­nen­an­grif­fe nicht ziel­füh­rend

Im Sep­tem­ber 2025 wur­den bei ei­nem Droh­nen­an­griff der Na­ti­o­nal­po­li­zei auf eine gro­ße Ge­burts­tags­fei­er des Ban­den­füh­rers Alb­ert „Djo­u­ma“ Stee­ven­son in Si­mon Pelé nach An­ga­ben der Wa­shing­ton Post ne­ben et­li­chen Er­wach­se­nen min­des­tens zehn Kin­der ge­tö­tet. Stee­ven­son ver­teilt bei sol­chen Fes­ten ger­ne klei­ne Ge­schen­ke an die Kin­der der Nach­bar­schaft. Kurz be­vor er die­ses Mal da­mit be­gin­nen konn­te, sei­en nach Au­gen­zeu­gen­be­rich­ten in nächs­ter Nähe meh­re­re Ka­mi­ka­ze-Droh­nen ex­plo­diert und Tage spä­ter noch Blut und Kör­per­tei­le der Op­fer ver­streut ge­we­sen. In den Wor­ten ei­nes Re­gie­rungs­ver­tre­ters wa­ren die zi­vi­len To­des­op­fer schlicht „un­ver­meid­bar“ und „nur ein De­tail“ im Krieg ge­gen die Ban­den. Die Fa­mi­li­en konn­ten sich teil­wei­se die Be­er­di­gung ih­rer Kin­der nicht leis­ten, wäh­rend der Ban­den­füh­rer selbst bei dem An­griff un­ver­letzt blieb.

Kin­der und Ju­gend­li­che lei­den oh­ne­hin in be­son­de­rem Maße un­ter der Ban­den­herr­schaft. UNI­CEF wies zu­letzt im Ok­to­ber 2025 auf de­ren aus­weg­lo­se Lage hin: „Heu­te sind bis zur Hälf­te der Mit­glie­der be­waff­ne­ter Grup­pen in Hai­ti Kin­der, von de­nen ei­ni­ge kaum zehn Jah­re alt sind […]. Mehr als 1,2 Mil­li­o­nen Kin­der un­ter fünf Jah­ren le­ben in Ge­bie­ten, [in de­nen] sie ei­nem er­höh­ten Ri­si­ko aku­ter Un­ter­er­näh­rung aus­ge­setzt sind […]. Es sind ver­kürz­te Le­ben, gestoh­le­ne Kind­hei­ten und aus­ge­löschte Zu­kunfts­per­spek­ti­ven.“

Ein Land im Wür­ge­griff

Nicht­re­gie­rungs­or­ga­ni­sa­ti­o­nen wie Am­nesty In­ter­na­ti­o­nal wer­fen der Re­gie­rung vor, zu we­nig ge­gen das Trei­ben der Ban­den zu un­ter­neh­men und kei­nen Wert auf den Schutz der Be­völ­ke­rung zu le­gen. Eine nicht un­er­heb­li­che Zahl an Amts­trä­gern pflegt Kon­takt zu den Ban­den und hat we­nig In­te­res­se da­ran, ernst­haf­te Maß­nah­men zu er­grei­fen. Dem ver­blei­ben­den Teil fehlt ohne Hil­fe aus dem Aus­land die nö­ti­ge Schlag­kraft, um ef­fek­tiv ge­gen die kri­mi­nel­len Grup­pen vor­zu­ge­hen. Cés­ar Marín, stell­ver­tre­ten­der Re­gi­o­nal­di­rek­tor für Kam­pag­nen bei Am­nesty In­ter­na­ti­o­nal in Ame­ri­ka, for­der­te im Sep­tem­ber 2025 mehr Ein­satz für den Schutz der Zi­vil­be­völ­ke­rung: „Die in­ter­na­ti­o­na­le Ge­mein­schaft und die na­ti­o­na­len Be­hör­den dür­fen nicht ta­ten­los zu­se­hen, wäh­rend die Be­völ­ke­rung des Lan­des wei­ter­hin Op­fer von Gräu­el­ta­ten wird. Die hai­ti­a­ni­sche Be­völ­ke­rung hat das Recht, in Wür­de und Si­cher­heit zu le­ben, ohne stän­dig Angst vor An­grif­fen be­waff­ne­ter Ban­den ha­ben zu müs­sen.“ Im März 2026 wies Ast­rid Va­len­cia, stell­ver­tre­ten­de For­schungs­di­rek­to­rin für Ame­ri­ka bei Am­nesty In­ter­na­ti­o­nal, nach ei­nem wei­te­ren Mass­aker aber­mals auf die Miss­stän­de hin: „Die­ses Ver­bre­chen macht ein­mal mehr deut­lich, wel­chen mensch­li­chen Preis die Un­fä­hig­keit der Be­hör­den for­dert, die Be­völ­ke­rung zu schüt­zen, wo­bei die Men­schen­rech­te im Mit­tel­punkt ste­hen müs­sen. Es ist drin­gend not­wen­dig, die Vo­raus­set­zun­gen für nach­hal­ti­ge Si­cher­heit zu schaf­fen […].“


Der de­so­la­te Zu­stand die­ser Kreu­zung wird der Groß­ban­de G9 zu­ge­schrie­ben. Foto: GI­TOC/Getty Images

 Die Be­völ­ke­rung muss sich bis auf wei­te­res selbst um ih­ren Schutz küm­mern, al­ler­dings sind in­zwi­schen auch die zahl­rei­chen Bür­ger­weh­ren über­for­dert, wie der Hai­ti­a­ner Lou­is im Be­richt von Glo­bal Ini­ti­a­ti­ve ein­räumt: „Es ist schwie­rig, ge­gen Ban­den vor­zu­ge­hen, wenn die Po­li­zei oder po­li­ti­sche Ent­schei­dungs­trä­ger mit ih­nen un­ter ei­ner De­cke ste­cken. Die ört­li­chen Ein­satz­kräf­te sind nicht aus­rei­chend aus­ge­bil­det oder aus­ge­rüs­tet, um ge­gen or­ga­ni­sier­te Kri­mi­na­li­tät die­ses Aus­ma­ßes vor­zu­ge­hen.“ Lou­is, des­sen wah­rer Name aus Schutz­grün­den nicht ge­nannt wird, leb­te 30 Jah­re in Fon­ta­ma­ra, bis er 2021 vor der Banden­ge­walt flie­hen muss­te. Vo­raus ging ein jah­re­lan­ger Ban­den­krieg zwi­schen den stark be­waff­ne­ten Grup­pie­run­gen Grand Ra­vi­ne, Ti Bwa und Vil­la­ge de Dieu.

Die Ban­den hal­ten alle Trümp­fe

Es wird mit je­dem Tag schwie­ri­ger, eine nach­hal­ti­ge Stra­te­gie ge­gen die be­waff­ne­ten Grup­pen in Port-au-Prin­ce zu for­mu­lie­ren. Die Ban­den kon­trol­lie­ren gro­ße Tei­le der Inf­ra­struk­tur und kön­nen die Be­völ­ke­rung als Gei­seln oder Schutz­schil­de ein­set­zen. Auch vor de­monst­ra­ti­ven Ge­walt­ex­zes­sen wer­den sie im Fall ei­ner of­fe­nen Kon­fron­ta­ti­on vo­raus­sicht­lich nicht zu­rück­schre­cken. Über­ra­schungsan­grif­fe auf ein­zel­ne Ban­den­füh­rer er­wie­sen sich bis­her als in­ef­fek­ti­ve Na­del­sti­che in ein gi­gan­ti­sches Wes­pen­nest und stel­len eine grö­ße­re Be­dro­hung für die Zi­vil­be­völ­ke­rung als für die ei­gent­li­chen Zie­le dar.