Von: Joachim Lerchenmüller
„Der Zabbaleen steigt täglich von dem Müllberg, der sein Zuhause ist, hinunter in die Stadt, um dort Müll zu sammeln. Er kehrt mit dem Müll zurück zu seiner Familie, die den Müll sortiert. Mit dem Bioabfall füttert die Familie ihre Ziegen und Schweine. In einer Gesellschaft, in der Schein und äußere Erscheinung alles gilt, werden die Zabbaleen verachtet und gehasst.“
Mit diesen Worten charakterisiert der Künstler Christian Stejskal den Alltag und die gesellschaftliche Lage der Zabbaleen in Kairo. Er weiß, wovon er spricht, denn er lebte mehrere Jahre mit den Zabbaleen in der sogenannten Garbage City am Fuße des Mokattam-Berges. Am 7. Mai 2026 trat Christian Stejskal mit seiner Text-Bild-Musik-Performance „My Neighbourhood“ im soziokulturellen Zentrum Club Voltaire in Tübingen auf, in deren Mittelpunkt die Biografien einzelner Bewohner:innen der Garbage City stehen. Die Veranstaltung wurde vom Amnesty-Bezirk Tübingen und von Brot für die Welt unterstützt.
Die Bevölkerungsgruppe „Zabbaleen“
Die Bezeichnung „Zabbaleen“ ist eine Zuschreibung von außen, das Wort bedeutet im ägyptischen Arabisch „Müllmann“. Diese Bevölkerungsgruppe umfasst heute rund 100.000 Menschen, die in Familien leben. Die allermeisten von ihnen sind koptische Christen, deren Vorfahren in den 1930er und 1940er Jahren auf der Suche nach Arbeit aus den ländlichen Gebieten der Provinz Assiut nach Kairo migrierten. In der Großstadt konzentrierte sich diese Gruppe schnell auf die Schweinezucht, weil sie die kompostierbaren Abfälle Kairos einsammelten und als Viehfutter verwendeten. So wurden die Zabbaleen bald zur informellen Müllabfuhr, sie kooperieren bis heute mit der Bevölkerungsgruppe der Wahiya, welche seit dem frühen 20. Jahrhundert offiziell mit der Hausmüllentsorgung in Kairo beauftragt ist.

Die Zabbaleen-Familien haben ein kooperatives System des Müllsammelns und Sortierens, des Recycling und Upcycling aufgebaut, das es ermöglicht, über 80 % des gesammelten Hausmülls zu verwerten. Diese Quote ist drei Mal höher als der internationale Durchschnitt, den westliche Müllentsorgungsunternehmen erreichen. Das Zabbaleen-System ist nicht nur hocheffizient, es ist auch sehr umweltfreundlich. Schon auf der Rio-Konferenz 1992 der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung wurde das Zabbaleen-System deshalb als Vorbild für andere Mega-Cities gewürdigt.
Das Zabbaleen-System ist eine sozio-ökonomische Einheit, welche die einzelnen Familien wirtschaftlich vernetzt und eine Abhängigkeit schafft, die nicht auf Konkurrenz, sondern auf Kooperation beruht. Das System hat damit auch eine wichtige sozialintegrative, kulturelle und identitätsstiftende Funktion. In den Worten eines Zabbaleen im Gespräch mit dem ägyptischen Vlogger Karim El Sayd: „Manche Leute kommen hierher und riechen Abfall. Doch für uns ist es der Duft des Erfolgs, denn der Müll macht diesen Ort lebendig. Wir lieben den Beruf des Müllsammlers. Wir sind mit dem Müllsammeln aufgewachsen und das Müllsammeln ist unser Lebensunterhalt. Es ist eine dauerhafte und sichere Beschäftigung.“



Ein Teil der Familien ist auf das Sammeln des Mülls spezialisiert. Die männlichen Familienmitglieder sammeln in bestimmten Stadtteilen Kairos den Hausmüll vor Ort ein. Sie bringen ihren Familien täglich ca. 30-40 kg Müll, den die weiblichen Mitglieder trennen. Organische Abfälle erhalten die eigenen Tiere als Futter. Plastik, Metall, Karton und Textilstoffe werden getrennt. Der Plastikabfall wird weiter sortiert. Der so gesammelte und vorsortierte Plastikmüll wird am Ende der Woche an andere Familien weiterverkauft, die diesen Müll nochmals sortieren. Im nächsten Schritt landet der nunmehr fein sortierte Plastikmüll bei jenen Familien, die Maschinen besitzen, mit denen das Plastik gewaschen und anschließend zu Granulat oder Pellets verarbeitet wird. Den so aufgearbeiteten Plastikmüll verkaufen diese Familien dann an Fabriken außerhalb der Garbage City. Eine Tonne recycletes Plastikgranulat kann – je nach Kunststoffart, Qualität und Reinheit – einen Preis zwischen 500 und 1.500 Euro erzielen.
Staatliche Maßnahmen gegen die Zabbaleen
Obwohl die Arbeit der Zabbaleen ökonomisch und ökologisch nachhaltig und international anerkannt ist, haben ägyptische Regierungen in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt versucht, die Lebens- und Arbeitsgrundlagen der Zabbaleen zu zerstören.
Ein erster, einschneidender Eingriff in das Leben der Zabbaleen erfolgte 1970: Der damalige Gouverneur der Provinz Giza ordnete an, dass die Zabbaleen innerhalb weniger Tage den Bezirk Imbaba, in dem sie sich Jahrzehnte zuvor angesiedelt hatten, verlassen müssten. Diese Vertreibung führte die Zabbaleen in einen aufgelassenen Steinbruch am Fuße des Mokattam-Berges in Kairo. Sie erhielten damals zwar die offizielle Erlaubnis, dort zu leben, doch haben sie bis heute keinerlei Rechtsanspruch auf das Land, auf dem sie leben und arbeiten.
In den frühen 1990er Jahren erzwang die Stadtverwaltung Kairos die Motorisierung des Müllgewerbes, was für die Zabbaleen eine große finanzielle Belastung bedeutete, die mit Verschuldung einherging. Die offizielle Begründung für diese Maßnahme war, dass die Eselkarren, mit denen die Zabbaleen bis dahin den Müll in den Stadtvierteln eingesammelt hatten, eine Verkehrsgefährdung darstellten. Tatsächlich dürften aber Vorurteile gegen die Zabbaleen sowie die Orientierung an «europäischer Modernität» eine bedeutende Rolle gespielt haben.
2003 unternahmen die Behörden den Versuch, das als «unhygienisch» und «antiquiert» angesehene Zabbaleen-System der Müllsammlung durch Verträge mit privaten, mehrheitlich europäischen Müllentsorgungsunternehmen auszuhebeln. Mehrere Firmen erhielten Zehn-Jahres-Verträge, um ein privates, kapitalistisches System zu etablieren. Der Versuch scheiterte innerhalb kürzester Zeit, weil für die Mehrheit der Kairiner Bevölkerung die Qualität der privaten Dienstleister deutlich schlechter war als jene der Zabbaleen – und sie deutlich teurer war. Bald türmte sich in den engen Gassen der Kairiner Altstadt der Müll und lockte Ratten, streunende Hunde und Ungeziefer an. Da die Verträge auf zehn Jahre geschlossen worden waren, entstand für die Regierung ein beträchtlicher finanzieller Schaden. Nach Ablauf der Vertragsfrist wurden keine privatwirtschaftlichen Müllentsorger mehr verpflichtet, Kairo kehrte auch offiziell zum bewährten informellen System der Müllentsorgung durch die Zabbaleen zurück.
Der Ausbruch des sogenannten Schweinegrippevirus im April 2009 in Mexiko, der sich innerhalb weniger Monate zu einer Pandemie entwickelte, sollte für die Zabbaleen existenzbedrohende Auswirkungen haben: Trotz internationaler Proteste beschlossen das ägyptische Parlament und die Regierung die Keulung des gesamten Schweinebestandes im Land. Rund 300.000 Tiere fielen dieser Maßnahme zum Opfer – und mit ihnen auch die wirtschaftliche Existenzgrundlage von rund 70.000 Zabbaleen. Die ägyptische Regierung hatte zunächst erklärt, die Keulung habe die Verbreitung der Schweinegrippe in Ägypten verhindern sollen. Später gab sie jedoch zu, dass es Teil eines größeren Plans war, die Lebensbedingungen der Zabbaleen zu «verbessern». Viele internationale Beobachter, westliche Medien und die Zabbaleen selbst sahen jedoch religiöse Diskriminierung als eigentlichen Grund der Maßnahme. Da Schweinehaltung in Ägypten fast ausschließlich von Christen betrieben wird und der Islam Schweinefleisch verbietet, wurde der Schritt als Versuch interpretiert, Schweine generell aus dem Land zu entfernen. Aus Kreisen der Medien, der Kirche und der Wissenschaft wurde zudem argumentiert, dass die Maßnahme möglicherweise Teil einer Gentrifizierungspolitik war, die auf die Garbage City als Bauland zielte, und dass damit erneut versucht wurde, die Müllentsorgungs- und Recyclingwirtschaft für privatwirtschaftliche Unternehmen zu öffnen. Die Keulung war für die Tiere und ihre Eigentümer katastrophal – und führte zu einer massiven hygienischen Bedrohung für die Kairiner Bevölkerung: Ohne Schweine brach der Kreislauf des Zabbaleen-Systems zusammen, und es gab keine Notwendigkeit mehr, organischen Abfall zu sammeln. Erneut türmten sich innerhalb kürzester Zeit Berge von Müll in den Straßen und Gassen der Stadt. Viele Kinder der Zabbaleen litten an Mangelernährung, weil das Fleisch der Schweine eine wichtige Nahrungsgrundlage für die Zabbaleen-Familien darstellte. Die Pandemie wurde im August 2010 offiziell für beendet erklärt, und die Zabbaleen konnten ihr System wieder aufbauen, das bis heute besteht.

Die Erfahrungen der vergangenen Jahrzehnte machen deutlich, dass die Bevölkerungsgruppe der Zabbaleen für das Funktionieren der Mega-City Kairo unerlässlich ist. Ihr über Generationen etabliertes und bewährtes informelles System ist ökologisch und ökonomisch nachhaltig und es ist privatwirtschaftlichen internationalen Unternehmen überlegen, weil es eine ortsspezifische Lösung darstellt, die optimal an die topographischen und städtebaulichen Bedingungen Kairos angepasst ist. Dennoch erfahren die Zabbaleen selten offizielle Anerkennung für ihren Dienst an der Stadtgesellschaft. Stattdessen erleben sie Diskriminierung aus sozialökonomischen, ethischen und religiösen Gründen. Initiativen zur Förderung der Gesundheitsversorgung und der schulischen und beruflichen Bildung der Zabbaleen gehen von der koptischen Kirche und von Nichtregierungsorganisationen aus. Von der ägyptischen Politik können die Zabbaleen wenig Gutes erwarten.
Die Menschenrechtslage in Ägpyten
Damit sind die Zabbaleen leider nicht allein: Millionen in Armut lebende Menschen sind in Ägypten aktuell mit neuen Härten konfrontiert, heißt es im Amnesty Report 2025/26: Im August 2025 ratifizierte der ägyptische Präsident eine Mietrechtsreform zur Beendigung langjähriger Mietverträge. Außerdem wurden weitere Maßnahmen erlassen, die die Bezahlbarkeit von Wohnraum für Menschen mit niedrigem Einkommen gefährdeten. Textilarbeiter:innen, die im Januar an einem Streik teilgenommen hatten, wurden festgenommen und anschließend entlassen. Zudem unterdrücken die Behörden weiterhin unabhängige zivilgesellschaftliche Vereinigungen sowie die Medien und kriminalisieren Kritik an der Regierung. Ägyptische Sicherheitskräfte nehmen willkürlich Journalist:innen, Wissenschaftler:innen und Regierungskritiker:innen fest. Tausende Menschen werden in Ägypten nach wie vor willkürlich, ohne Rechtsgrundlage oder nach unfairen Prozessen in Gefängnissen festgehalten. Auch Verschwindenlassen, Folter und andere Misshandlungen sowie Haft ohne Kontakt zur Außenwelt sind nach wie vor an der Tagesordnung. Die Zahl der vollstreckten Todesstrafen in Ägypten hat sich 2025 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt auf 25 Menschen.
Hinweis:
Weitere Informationen über den Künstler und sein Programm gibt es unter: https://christianstejskal.com/
Den Amnesty Report 2025/26 zur Lage der Menschenrechte weltweit gibt es unter:
https://www.amnesty.de/informieren/amnesty-report
