Von: Niklas Schwarz
Während die deutsche Gesellschaft zu Recht ihre nationalsozialistische Vergangenheit und die damit verbundenen Verbrechen in hohem Maße aufgearbeitet hat, kommt das Wissen um die deutsche Kolonialgeschichte zu kurz. Es ist gut, dass sich die Deutschen kritisch mit der NS-Herrschaft und ihrer Bedeutung für die deutsche Identität auseinandersetzen. Eine Erweiterung um die Kolonialverbrechen würde neue Möglichkeiten der nationalen Identität schaffen.
Deutschland hat ein Problem mit seiner nationalen Identität. Die moralische Katastrophe des Holocaust und die Verbrechen des Dritten Reichs fordern eine andauernde Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte, ihren Folgen und Ursprüngen. Die Frage des Umgangs mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und ihren Gräueltaten scheint mit dem Historikerstreit in den Jahren 1986/87 eine eindeutige Festlegung der deutschen Erinnerungskultur gefunden zu haben. Mit der Einweihung des Holocaust-Denkmals in Berlin 2005 hat diese ein bauliches Denkmal gefunden. 2008 wurde sie durch Angela Merkels berühmte Rede vor der israelischen Knesset und ihre Erklärung, dass die Sicherheit Israels und sein Existenzrecht zur deutschen Staatsräson gehörten, als unverhandelbarer Grundsatz deutscher Politik und deutschem Selbstverständnisses verankert. Gleichzeitig sitzt seit bald zehn Jahren eine rechte Partei im Bundestag, deren damaliger Fraktionsvorsitzender „Hitler und die Nazis“ als „Vogelschiss in unserer über 1000-jährigen Geschichte“ bezeichnen konnte. Und zur gleichen Zeit scheinen andere Verbrechen deutscher Geschichte nur stiefmütterlich Beachtung zu finden. Als Kulturstaatsministerin versuchte Claudia Roth 2024, den deutschen Kolonialismus als weitere Säule neben der NS-Terrorherrschaft und der SED-Diktatur in das deutsche Gedenkstättenkonzept zu integrieren. Ein Vorhaben, das unter ihrem Nachfolger Wolfram Weimer fallengelassen wurde. Stattdessen plant Weimer nun, Bremen als zentralen Gedenkort für die deutsche Kolonialgeschichte zu etablieren. Das knüpft an bereits bestehende Strukturen an: 1932 weihten Kaufleute einen Backsteinelefant als Mahnmal für die Wiedererlangung der Kolonien ein. Dieser wurde später zu einem Antikolonialdenkmal umgewidmet.
Gewaltsame und rassistische Herrschaft des bisweilen viertgrößten Kolonialreiches scheinen dennoch ebenso wenig Gegenstand der deutschen nationalen Erinnerung zu sein wie der Völkermord an den Herero und den Nama in Deutsch-Südwestafrika. Dabei ist eine Etablierung der Kolonialgeschichte als Baustein deutschen Selbstbewusstseins nicht nur ein Aspekt der Opfergerechtigkeit, sondern auch eine Chance, nationale Identität in der sich wandelnden Gesellschaft zu bestimmen.
Geschichte der Kolonialzeit
Woran könnten sich die Deutschen festhalten, wenn es gilt, die Geschichte des Kolonialismus in ihre Erinnerungslandschaft aufzunehmen? Ein paar Eckpunkte der Deutschen Kolonialgeschichte: Während Reichskanzler Otto von Bismarck einem Einstieg in das Kolonialgeschehen zunächst skeptisch gegenüberstand, erwarb das Deutsche Reich seit der Berliner Kongokonferenz 1884 Kolonien in Afrika, in Nordostchina sowie im Pazifik. Deutsch-Südwestafrika, das heutige Namibia, wurde zum ersten sogenannten Schutzgebiet. Es war als die einzige Siedlerkolonie vorgesehen und profitierte von Konflikten zwischen den großen ethnischen Gruppen der Herero und Nama. Die Kolonialherrschaft in Kamerun war geprägt von Plantagenwirtschaft, häufig mit Zwangsarbeit und gewaltsamen Enteignungen, während die Kolonie in Togo eine dünn verwaltete Handelskolonie darstellte. Die Herrschaft in Deutsch-Ostafrika umspannte mit fast acht Millionen Einwohner:innen das bevölkerungsreichste Territorium. Der Maji-Maji-Krieg 1905-1908 und die folgende Hungersnot forderten dort 300.000 Tote. Der Erwerb von Teilen der Inseln Neuguinea und Samoa war vor allem ein Prestigeobjekt und Resultat vorkolonialer Südsee-Projektionen, die die Bewohner:innen zu „edlen Wilden“ stilisierten. Zuletzt ist die Besetzung von Kiautschou in Nordchina zu nennen, die vornehmlich der wirtschaftlichen Ausbeutung diente und als Ausgangspunkt für Pläne zur weiteren Durchdringung Chinas angesehen wurde.
Bereits zu Beginn des Ersten Weltkrieges verlor das Deutsche Reich faktisch einen Großteil seiner Kolonien, auf die es mit dem Versailler Vertrag vollständig verzichtete. Bis heute wird die Frage nach Wiedergutmachung und möglichen Reparationszahlungen Deutschlands kontrovers diskutiert. Erst 2021 bezeichnete die Bundesregierung die Morde an den Menschen der Herero und Nama offiziell als Völkermord.
„Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen“
Wie kam es zu diesem Genozid? Durch eine Rinderpest, Krankheiten und eine Dürreperiode verschlechterte sich seit 1896 die Situation der Herero in Deutsch-Südwestafrika, die vor allem von Viehbeweidung lebten. Sie verschuldeten sich, mussten Land verkaufen und wurden durch neue Reservatsgrenzen auf schlechtere Böden gedrängt. Aus Angst vor dem Verlust der letzten Autonomierechte erhoben sich die Herero zu einem bewaffneten Widerstand. Für die Niederschlagung des Aufstandes schickte die Reichsregierung Generalleutnant Lothar von Trotha nach Südwestafrika. Sein dezidierter Plan war die Vernichtung des Gegners. Nach der Schlacht am Waterberg ließ er die verbleibenden Herero in die Omaheke-Halbwüste treiben und kappte die Wasserversorgung. Wer trotzdem überlebte, wurde in damals so genannte Konzentrationslager gebracht und musste Zwangsarbeit verrichten. Letztlich gab Trotha einen Schießbefehl: „Die Herero sind nicht mehr Deutsche Untertanen […]. Innerhalb der Deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen.“ Zwar hob die Reichsregierung den Befehl wenige Monate später wieder auf, allerdings waren bis zu diesem Zeitpunkt bereits Zehntausende Herero getötet worden. Die Nama schlossen sich dem Widerstand der Herero an, führten aber einen Guerillakrieg, der sich über vier Jahre zog. Die deutschen Truppen reagierten darauf mit einer weiteren Vernichtungsstrategie. Insgesamt bezeugen in Deutsch-Südwestafrika 100.000 Tote in den Reihen der Herero und Nama die Brutalität und Rücksichtslosigkeit deutscher Kriegsführung.
Historikerstreit
Dass Deutschland eine Erinnerungspolitik betreibt, die sich in erheblichem Maße mit den Verbrechen der NS-Zeit und dem Holocaust auseinandersetzt, hat wesentliche Wurzeln im Historikerstreit von 1986/87, der im Kern um die Frage der historischen Einzigartigkeit des Holocaust kreiste. Eine Gruppe konservativer Historiker versuchte, die deutsche Bevölkerung von der Schuld der NS-Verbrechen zu entlasten, indem sie unter anderem die Massenmorde der Nationalsozialisten als eine Reaktion auf die Gewalt in den sowjetischen Gulags beschrieb und sie so als eine „asiatische Tat“ deutete. Progressive und kritischere Stimmen, allen voran Jürgen Habermas, widersprachen dem mit einer Re-Moralisierung der Debatte, konnten sich durchsetzen und prägten so eine deutsche Identität, die sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt. Im sogenannten Historikerstreit 2.0 wurde die Debatte um die Frage der Vergleichbarkeit des Holocaust neu aufgerollt und mit neuen Vorzeichen versehen. In den Jahren 2020/21 fragten verschiedene Stimmen, ob die Konzentration auf den Holocaust andere deutsche Gewaltgeschichten aus dem erinnerungskulturellen Blick drängt. Bezeichnend sind dafür vor allem Fragen des Rassismus, der Kolonialgeschichte und der gewachsenen migrantischen Demografie in Deutschland. Der australische Historiker Dirk Moses etwa wirft der Erinnerungskultur in Deutschland einen Katechismus der Singularität des Holocaust vor und fordert ein inklusives und gerechtes Denken, das alle Opfer Deutschlands repräsentiere.
Multidirektionale Erinnerung
Wie tragfähig ist die Umsetzung einer Erweiterung der Erinnerungskultur um die Verbrechen des deutschen Kolonialismus? Der Aspekt der Opfergerechtigkeit, den Moses einfordert, kann als unverhandelbar gelten. Aber es gibt noch andere Fragen, die damit zusammenhängen. Die Auseinandersetzung mit dem Geschehenen nimmt in bildungspolitischen Projekten zur Aufarbeitung des NS-Terrors und der SED-Diktatur bereits einen so großen Raum ein, dass eine Erweiterung um ein weiteres Thema zu einer Überfrachtung führen könnte. Aber: Erinnerung ist kein Nullsummenspiel. Der Holocaust und die Brutalität des Kolonialismus dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Der Professor für Holocaust-Studies Michael Rothberg schlägt den Begriff der Multidirektionalen Erinnerung vor, der es erlaubt, verschiedene Gewaltgeschichten gleichzeitig zu erinnern. Dabei nähmen sich die verschiedenen Punkte der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht gegenseitig den Platz weg. Vielmehr erweise sich eine Ausweitung der Erinnerungskultur als ein Dimensionen-Gewinn, der den Holocaust nicht verdränge, sondern neue Perspektiven eröffne. So gibt es etwa Perspektiven, die eine Kontinuität der Gewalt der Kolonialverbrechen mit der NS-Diktatur und dem Holocaust postulieren. Nicht gesagt ist damit, dass die Dimension und Qualität des Holocaust bereits in der kolonialen Gewalt vorhanden waren. Vielmehr zeigt dieser Gedanke, dass die kritische Befragung der deutschen Geschichte nicht erst 1933 anfangen darf, sondern eine längere Historie voraussetzt.
Deutsche Identität
Das ist auch ein Punkt, der an die Krise der deutschen nationalen Identität heranreicht. Ein Mehr an Abgrenzung von dem moralischen Grauen der eigenen Geschichte heißt nicht ein Verlust an Identität. Der Philosoph Odo Marquard schreibt: „Nicht die Nulldetermination – das Fehlen aller Determinanten – macht die Menschen frei, sondern die Überfülle an Determinanten macht es.“ Je mehr eine Gesellschaft von ihrer Geschichte weiß, desto mehr Möglichkeiten hat sie, sich auf diese Geschichte zu beziehen. Die Kolonialgeschichte in die deutsche Erinnerungskultur aufzunehmen bedeutet einen Gewinn an Befähigung, sich selbst zu deuten. Es erweitert den historischen Bezugsrahmen, unter dem sich eine Gesellschaft national zu bestimmen lernt. Dass damit der gewachsenen Realität einer postmigrantischen Gesellschaft und der sich wandelnden Demografie Rechnung getragen wird, ist bereits an vielen Stellen gesagt worden. Deutsche Identität ist so nicht durch die Abgrenzung von einer vermeintlich abgeschlossenen Vergangenheit bestimmt, sondern durch die Fähigkeit, sich mit unterschiedlichen historischen Erfahrungen auseinanderzusetzen.
