Von: Eva Scheerer
Der Menschenrechtspreis von Amnesty International Deutschland zeichnet Menschen aus, die sich unter schwierigsten Bedingungen für die Menschenrechte einsetzen. Der diesjährige Preisträger ist der palästinensische Kinderrechtsanwalt Khaled Quzmar. Seit Jahrzehnten setzt er sich für palästinensische Kinder ein, die unter der israelischen Besatzung, Gewalt und Inhaftierungen leiden. Ihre grundlegenden Rechte, die durch die UN-Kinderrechtskonvention und internationales Recht garantiert sind, werden in erschütternder Weise missachtet.
Quzmars beruflicher Weg begann vor rund 35 Jahren als Rechtsanwalt vor israelischen Militärgerichten. Bis heute vertritt er palästinensische Minderjährige, die festgenommen und inhaftiert werden. Er besucht sie im Gefängnis und unterstützt sie und ihre Familien rechtlich sowie psychosozial. Darüber hinaus dokumentiert er Kinderrechtsverletzungen im Westjordanland, in Ostjerusalem und im Gazastreifen für UN-Gremien und internationale Gerichte. Er unterstützt auch Kinder, die mit dem palästinensischen Rechtssystem in Konflikt geraten, und trägt zur Entwicklung gezielter Programme für Gebiete bei, die besonders von Jugendkriminalität, Drogenproblemen und Schulabbrüchen betroffen sind.
35 Jahre lang leitete der Jurist die Organisation Defense for Children International – Palestine (DCIP). Sie setzte sich für den Schutz und die Rechte palästinensischer Kinder ein und bot ihnen juristische Unterstützung. Im Oktober 2021 stufte Israel sechs renommierte palästinensische Nichtregierungsorganisationen als Terrororganisationen ein, darunter die DCIP. Die deutsche Bundesregierung und acht weitere europäische Staaten lehnten im Juli 2022 diese Einstufung ab, da ihnen keine Informationen vorgelegt worden seien, die die Vorwürfe rechtfertigten. Auch Amnesty International, Human Rights Watch, weitere Menschenrechtsorganisationen und UN-Vertreter kritisierten die Einstufung und erklärten, Israel habe keine hinreichenden Belege für die Anschuldigungen gegen die betroffenen Organisationen vorgelegt. Wegen anhaltender Repressionen und Schikanen stellte die DCIP im Frühjahr 2026 ihre Arbeit ein. Quzmar selbst war massivem Druck ausgesetzt gewesen. Israels Geheimdienst habe ihm eine lange Haftstrafe angedroht, so Amnesty International. Aber der in Ramallah lebende Jurist gab nicht auf: Seit Juni 2026 ist er Geschäftsführer des Palästinensischen Zentrums für Kinderrechte. Auch diese Organisation setzt sich dafür ein, palästinensische Kinder zu schützen und ihre Rechte durchzusetzen.

In einem Interview mit Amnesty International vom Oktober 2026 betont Quzmar, wie wichtig der Zugang zu Bildung für die Kinder ist: „Bildung ist die wichtigste Waffe für ihre Zukunft.“ Ohne ausreichende Bildung drohe einer ganzen Generation der Anschluss an eine zunehmend digitalisierte Welt verloren zu gehen. Schulen zu schützen und Kindern Zugang zu Wissen zu ermöglichen, sei deshalb entscheidend für die Zukunft der palästinensischen Gesellschaft. Inhaftierungen, Vertreibungen und Gewalt könnten den Schulbesuch verhindern und die Zukunft junger Menschen beeinträchtigen. Deshalb gehörten Bildungsprogramme und psychosoziale Unterstützung zu den Schwerpunkten seiner Arbeit.
Seit der Eskalation der Gewalt nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 hat sich die Lage palästinensischer Kinder dramatisch verschärft. Auch nach der im Oktober 2025 vereinbarten Waffenruhe wurden die militärischen Operationen der israelischen Armee im Gazastreifen fortgesetzt. UNICEF zufolge wurden allein seit Beginn der Waffenruhe mehr als 340 Kinder getötet. Viele wurden verletzt oder vertrieben. Die Lebensbedingungen der Kinder sind katastrophal: Sie leiden unter Hunger, Krankheiten und den Folgen zerstörter Wohnhäuser, Schulen und medizinischer Einrichtungen. Auch im Westjordanland sind Kinder Gewalt, Vertreibung und Inhaftierungen ausgesetzt.
Der 62-jährige Menschenrechtsanwalt kritisiert die unzureichende internationale Reaktion. Er fordert wirksame Maßnahmen, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern und Verantwortliche zur Rechenschaft zu ziehen.
Quzmars Engagement ist auch durch seine Familiengeschichte geprägt. Als Sohn einer armen Bauernfamilie musste er miterleben, wie ein großer Teil des Landbesitzes seiner Familie enteignet und seine vier Brüder inhaftiert wurden. Diese Erfahrungen motivieren ihn, sich für Menschenrechte einzusetzen.
Trotz aller Schwierigkeiten und der dauernden Bedrohung will er seine wichtige Arbeit fortsetzen, wie er gegenüber Amnesty International erklärte: „Der Kontakt mit den Familien und das Unrecht, das wir täglich sehen, treiben mich an. Solange ich die Möglichkeit habe, einer Familie zu helfen, gibt mir das Kraft und motiviert mich weiterzumachen.“
