Sprachliche Herabsetzungen und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen

Von: Oliver Montag

Herabsetzende Begriffe werden im derzeitigen stark polarisierten politischen Klima zunehmend normalisiert. Von manchen gezielt als politisches Instrument eingesetzt, werden sie von anderen rege genutzt, ohne sich der potenziell weitrechenden Folgen bewusst zu sein.

Im Allgemeinen werden herabsetzende Begriffe als sprachliche Mittel verstanden, die dazu dienen, andere Menschen in ihrer Menschlichkeit herabzusetzen. Dies ist zunächst eine sehr offene Umschreibung. Was bedeutet es, anderen Menschen ihr Menschsein abzusprechen? Was sind die Folgen? Und welche Motive stecken dahinter? Im folgenden Artikel werde ich diesen Fragen auf Grundlage aktueller sozialwissenschaftlicher, philosophischer und psychologischer Forschung nachgehen.
Die Charakteristika herabsetzender Begriffe lassen sich grob in drei Kategorien aufteilen. Zunächst gibt es Eigenschaften, die den Begriffen selbst innewohnen. Dazu zählt ihre Einbettung in diskriminierende Ideologien, definiert als Normen, Konventionen und Praktiken, die das menschliche Denken und Handeln leiten. Zweitens entfalten herabsetzende Begriffe bestimmte Wirkungen in gesellschaftlichen Diskursen. Hierzu gehört die Eigenschaft, dass sie unsere Aufmerksamkeit auf negative Aspekte einer wahrgenommenen Gruppe lenken. Drittens verfolgen herabsetzende Begriffe charakteristische soziale und politische Ziele.

I. Eigenschaften der Begriffe selbst

Beginnen wir mit der bereits erwähnten Einbettung von herabsetzenden Wörtern in diskriminierende Ideologien. Die verwendeten Wörter sind besonders stark in ihrer Wirkung, wenn diese eine historische Dimension aufweisen. Dabei ist nicht irgendeine historische Dimension gemeint, sondern eine, die im Zusammenhang mit Unterdrückung und Bevormundung, oft auch mit physischer Gewalt steht.
Dieses Phänomen wird greifbarer, wenn wir uns das Konzept der Resonanz vor Augen führen. Nach dieser Idee „schwingen“ bei Begriffen nicht nur ihre bloßen Definitionen, sondern auch Ereignisse der Vergangenheit, Konventionen, Institutionen und Normen mit, die historisch eng mit dem Begriff verbunden sind. Diese Bedeutungs-ebene wird dem Adressaten bei der Verwendung des Begriffs unmittelbar vor Augen geführt. Es wird schnell klar: Diese Dimension haben diese Begriffe auch, unabhängig davon, ob die Vermittlung durch den Sprecher beabsichtigt war. Darin liegt eine zweite wichtige Eigenschaft: Die Wörter entfalten ihre herabsetzende Wirkung unabhängig von der Intention des Sprechers. Eine Nennung solcher Wörter kann trotzdem nicht mit dem einfachen Zusatz „Das war nicht so gemeint!“ entschuldigt werden.

Der deutsche Literaturwissenschaftler, Romanist und Politiker Victor Klemperer, Verfasser der Abhandlung „LTI – Notizbuch eines Philologen“ ( Foto von 1954) Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-26707-0001 / Höhne, Erich; Pohl, Erich / CC-BY-SA 3.0

II. Diskursive Eigenschaften

Im Zusammenhang mit herabsetzender Sprache wird häufig ein Zitat von Viktor Klemperer genannt, einem jüdischen Romanistikprofessor, der während des Dritten Reiches Tagebuch über die sprachlichen Besonderheiten der Nationalsozialisten führte. Er schrieb:

(…) die stärkste Wirkung wurde nicht durch Einzelreden ausgeübt, auch nicht durch Artikel oder Flugblätter, durch Plakate oder Fahnen, sie wurde durch nichts erzielt, was man mit bewusstem Denken oder bewusstem Fühlen in sich aufnehmen musste. Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang, und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden. (…) Aber Sprache dichtet und denkt nicht nur für mich, sie lenkt auch mein Gefühl, sie steuert mein ganzes seelisches Wesen, je selbstverständlicher, je unbewusster ich mich ihr überlasse. Und wenn nun die gebildete Sprache aus giftigen Elementen oder zur Trägerin von Giftstoffen gemacht worden ist? Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da. (Viktor Klemperer, LTI – Notizbuch eines Philologen, S. 24-25)

Klemperer macht auf einen wichtigen Punkt aufmerksam: Die Verarbeitung sprachlicher Information erfolgt keineswegs ausschließlich bewusst. Ebenso verändern sich Einstellungen und Vorstellungen selten abrupt. Vielmehr geschieht dies häufig schrittweise, etwa durch ständige Wiederholung bestimmter sprachlicher Muster.
Menschen übernehmen normalerweise nicht ohne Weiteres herabsetzende Begriffe. Die eigentliche Gefahr liegt vielmehr in den Schlussfolgerungen, die aus dieser abwertenden Sprache gezogen und häufig unbewusst übernommen werden. Solche Schlussfolgerungen sind nicht trivial, es lassen sich zahlreiche historische Beispiele dafür finden, dass sie konkrete gesellschaftliche Folgen haben können.
In diesem Zusammenhang rückt eine weitere Eigenschaft von Sprache in den Blick: Sprache und Wörter beeinflussen aktiv unsere Wahrnehmung, indem sie unsere Aufmerksamkeit auf bestimmte Aspekte lenken. Im Falle von herabsetzenden Begriffen sind dies oft als negativ wahrgenommene Eigenschaften einer Person oder Personengruppe. Werden andere Eigenschaften oder Zusammenhänge ausgeblendet, kann dies zu einem Bestätigungsbias führen und dazu beitragen, bereits vorhandene Vorurteile des Zuhörers zu verfestigen. Gemeinsam mit bewusst und unbewusst übernommenen Schlussfolgerungen ermutigen diffamierende Bezeichnungen schlussendlich zu konkreten, oftmals gewaltvollen Handlungen. Verschiedene Genozide, wie in Ruanda 1994 oder an den Juden durch Nazideutschland, waren maßgeblich von öffentlichen Herabsetzungskampagnen begleitet. Wie Herabsetzungen die Anwendung von Gewalt begünstigen, wird im nächsten Kapitel aufgezeigt.

III. Ziele von Herabsetzungen

Im Fokus von Herabsetzungskampagnen steht zunächst die Konstruktion einer Gruppe von „Anderen“, von der sich die eigene Gruppe abzugrenzen versucht. Diese „Anderen“ werden als der eigenen Gruppe unterlegen dargestellt. Darüber hinaus werden ihnen zugeschriebene Eigenschaften oftmals als biologisch bedingt und damit als unveränderlich konstruiert. Dies ermöglicht es, eine negative Eigenschaft pauschal allen Mitgliedern einer Gruppe zuzuweisen, unabhängig von deren tatsächlichem Verhalten.

Juden wurden in der NS-Propaganda häufig animalisiert. Verführung der Jugend, Hinterhältigkeit und „Fäden ziehen“ – Vorurteile, wie sie in der antisemitischen Zeitschrift „Der Stürmer“ immer wieder propagiert wurden (Nr. 26, 1935). Quelle: https://berufskolleg-gladbeck.de/stuermer-projekt

Die Konstruktion der „Anderen“ erfüllt dabei mehrere Funktionen. Sie verbreitet Stereotype und trägt dazu bei, dass die betroffene Gruppe negativ wahrgenommen und bewertet wird. Gleichzeitig festigt sie bestehende Gruppenhierarchien. Herabsetzende Begriffe werden häufig gegenüber Minderheiten verwendet, um sie gesellschaftlich „auf ihren Platz zu verweisen“ und die eigene privilegierte Position zu verteidigen.
Innerhalb einer Gruppe dienen Herabsetzungen anderer dazu, gemeinsame Normen zu etablieren und Rollenbilder zu vermitteln – insbesondere solche, die als „sozial erwünscht“ gelten. Aktuell richten sich viele Herabsetzungen gegen Verhaltensweisen, die nicht traditionellen Rollenbildern von Frau und Mann entsprechen.
Darüber hinaus können Herabsetzungen den Zusammenhalt innerhalb einer Gruppe stärken. Über die Abwertung anderer entsteht ein Gefühl gemeinsamer Identität, das die Bindung der Mitglieder an die eigene Gruppe verstärkt. Herabsetzungen treten daher besonders häufig in Gruppen auf, in denen die gemeinsame Zugehörigkeit eine wichtige Rolle für das Selbstverständnis ihrer Mitglieder spielt.

Welche Folgen haben Herabsetzungen letztlich?

Herabsetzungen dehumanisieren und dämonisieren Menschen und gesellschaftliche Gruppen. Dies kann dazu führen, dass Gruppen und deren Individuen sozial geächtet und ausgeschlossen werden. Oftmals wird zusätzlich die Anwendung von physischer Gewalt legitimiert.
Dehumanisierung geht häufig mit einer Gleichsetzung der betroffenen Personen mit Tieren oder Objekten einher. Im Falle der Gleichsetzung mit Tieren werden ihnen Kultur, Moralität, Feingefühl, Rationalität und auch die Fähigkeit zu sogenannten „sekundären“ Emotionen wie Hoffnung, Scham oder Nostalgie abgesprochen. Gleichzeitig werden ihnen verstärkt vermeintlich primitive („animalische“) Emotionen wie Wut oder Angst zugeschrieben. Werden Individuen und Gruppen mit Objekten gleichgesetzt, werden ihnen „mechanische“ Charakteristika wie Gefühlskälte, Härte und Passivität zugesprochen. Sie werden etwa als Roboter dargestellt, die ihre programmierte Aufgabe herzlos, aber effizient ausführen. Solche Darstellungen finden sich auch in gegenwärtigen westlichen Gesellschaften.
Die Gleichsetzung mit Tieren und Objekten trägt dazu bei, die betroffenen Individuen von der moralischen Fürsorge auszuschließen.
Dämonisierung geht noch einen Schritt weiter: Hier werden Individuen und Gruppen als boshaft/dämonisch und als eine Bedrohung für die eigene Gruppe dargestellt. Während Dehumanisierung die moralische Fürsorge für eine Gruppe ganz oder teilweise einschränkt, erzeugt Dämonisierung einen zusätzlichen moralischen Imperativ. Die vermeintliche Bedrohung durch die fremde Gruppe lässt Gewalt und Aggression nicht nur als erlaubt, sondern als moralisch geboten erscheinen.
Dabei bedarf es keiner tatsächlichen Handlung auf Seiten der betroffenen Gruppe, um Gewalt gegen sie zu rechtfertigen. Die Mittel der Dehumanisierung und Dämonisierung werden gerade bei Rechtfertigung genozidaler Gewalt häufig nebeneinander oder auch gebündelt eingesetzt. Ein eindrückliches und erschütterndes Beispiel stammt vom Chefideologen der Nationalsozialisten Alfred Rosenberg:

(…) Schmarotzertum. Dieser Begriff soll hierbei zunächst gar nicht als sittliche Wertung, sondern als Kennzeichnung einer lebensgesetzlichen (biologischen) Tatsache aufgefasst werden, genau so, wie wir im Pflanzen- und Tierleben von parasitären Erscheinungen sprechen. Wenn der Sackkrebs sich durch den After des Taschenkrebses einbohrt, nach und nach in ihn hineinwächst, ihm die letzte Lebenskraft aussaugt, so ist das der gleiche Vorgang, als wenn der Jude durch offene Volkswunden in die Gesellschaft eindringt, von ihrer Rassen- und Schöpferkraft zehrt – bis zu ihrem Untergang. (Rosenberg, Der Mythos des 20. Jahrhundert, S. 461)

Während des Nationalsozialismus trugen Herabsetzungskampagnen gegen Jüdinnen und Juden maßgeblich zur ideologischen Legitimation des Massenmords bei. Mit Beginn des Holocaust im Jahr 1941 nahm die Verwendung von Begriffen, die im Kontext von „Bedrohung“ stehen und in Verbindung mit Jüdinnen und Juden genannt wurden, in den staatlich gelenkten Medien signifikant zu. Auch wurde ihnen vermehrt Handlungsmacht zugeschrieben. Beides deutet auf eine ver-stärkte Dämonisierung zeitgleich mit dem Beginn der systematischen Massenmorde hin.
Im Jahr 1994 ermordeten in Ruanda Angehörige der Volksgruppe der Hutu massenhaft und auf bestialische Weise Angehörige der Tutsi und gemäßigte Hutu. Dem ging eine gnadenlose Herabsetzungs- und Hetzkampagne voraus, verbreitet über Radio, Zeitungen und öffentliche Persönlichkeiten. Anhänger der Tutsi wurden als „Kakerlaken“ und „Schlangen“ bezeichnet, verbunden mit den entsprechenden Assoziationen von Ungeziefer, Krankheit, Täuschung und Bedrohung.
Bürger:innen, darunter auch Kinder, wurden mit den Herabsetzungskampagnen zum Mord an ihren Nachbarn, Freunden und Kollegen angestiftet. Wer Widerstand leistete, wurde selbst zum Opfer der genozidalen Kampagne. Eine der vielen verstörenden Botschaften, die der Radiosender RTML verbreitete, war:

Wenn du eine Kakerlake bist, musst du getötet werden, du kannst nichts daran ändern, wenn du eine Schlange bist, kannst du nichts daran ändern. Niemand kann sagen, dass er eine Kakerlake erwischt hat und diese ihm Geld gab als Preis für ihr Leben, das kann nicht akzeptiert werden. Wenn jemand einen gefälschten Ausweis hat, ist er eine Schlange, ein wissender Komplize der RFP (;) akzeptiere nichts im Gegenzug, er muss getötet werden. (RTML, 1994, übersetzt durch den Autor)

Dem Genozid fielen innerhalb von nur einhundert Tagen 800.000 Menschen zum Opfer.
In manchen Fällen werden ursprünglich herabwürdigende Bezeichnungen von den betroffenen Gruppen selbst angeeignet und umgedeutet. Dadurch verlieren sie ganz oder in bestimmten Kontexten ihre herabwürdigende Bedeutung. Das Wort „queer“ ist ein bekanntes Beispiel. Ursprünglich wurde das Wort unter anderem im Sinne von „absonderlich“ gebraucht und lange Zeit als Herabwürdigung gegenüber nicht-heterosexuellen und nicht-cisgeschlechtlichen Personen verwendet. Heutzutage hat sich das Wort als positiv konnotierte Selbstbezeichnung dieser Gruppen etabliert.
Wie gezeigt wurde, sind Herabsetzungen nicht bloße Worthülsen, sondern können Instrument und Mitursache sozialen Ausschlusses bis hin zu genozidaler Gewalt sein. Ihre Wirkung entfalten herabwürdigende Begriffe dabei nicht ausschließlich durch die Absichten einzelner Sprechender, sondern auch durch die historischen und gesellschaftlichen Bedeutungen, die mit ihnen verbunden sind.
Herabsetzungen im öffentlichen Diskurs unwidersprochen zu lassen, kann ihre weitere Verbreitung und gesellschaftliche Normalisierung fördern. Angesichts ihrer potenziell weitreichenden Folgen ist eine kritische Auseinandersetzung mit ihnen deshalb von besonderer Bedeutung.

8. November 2026